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Bayern barrierefrei

Barrierefreie Arztpraxis

München, Mai 2016. Haben Sie Angst vorm Zahnarzt? Dann gehören Sie zur zähneklappernden Mehrheit. Doch freuen Sie sich: Sie haben ein Luxusproblem. Viele Menschen mit Behinderung würden liebend gerne auf dem Behandlungsstuhl beim Zahnarzt oder Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen Platz nehmen. Sie finden nur keine barrierefreie Praxis. Dabei gilt wie so oft: Auch wenn die baulichen Gegebenheiten nicht optimal sind – mit Tatkraft lassen sich viele Barrieren überwinden. Besuchen Sie mit uns eine barrierefreie Praxis.

Arzt in einem Behandlungsraum.

Über Dr. Stefan Hessenberger und Dr. Alexander Rudolph

Porträtfoto: Dr. Alexander Rudolph und Dr. Stefan Hessenberger

Dr. Alexander Rudolph (links) und Dr. Stefan Hessenberger sind Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen. In ihrer Praxis gilt eine ganz einfache Richtlinie: Sie behandeln alle Versicherten, die ihre Hilfe brauchen.

Unsere Meinung

„Wo ein Wille, da ein Weg.“ Dr. Alexander Rudolph

„Viele Maßnahmen für Barrierefreiheit kosten gar kein Geld. Nur etwas Zeit und den Willen, auf den Menschen einzugehen.“ Dr. Stefan Hessenberger

Über Esad K.

Porträtfoto: Esad K.

Esad K. ist Software-Entwickler. Seit er 15 ist, sitzt er im Rollstuhl. Als er einen Weisheitszahn entfernen lassen musste, entdeckte er die Praxis von Stefan Hessenberger und Alexander Rudolph. Die barrierefreie Ausstattung der Räume und die „barrierefreie“ Einstellung des Teams gefielen ihm auf den ersten Blick.

Meine Meinung

„Barrierefreiheit heißt: Zuhören und herausfinden, was der Mensch braucht.“

Manchmal muss man etwas sagen

„Ein Arzt meinte mal, dass ich sieben Leben habe, wie eine Katze“, sagt Esad K. „Ein paar habe ich allerdings schon verbraucht.“ Er war 15, als er beim Badeurlaub von einer Klippe ins Meer hüpfte. Das Wasser war zu flach an der Stelle, Esad schlug auf dem Boden auf. Seither sitzt er im Rollstuhl. Viele Jahre später erlitt er einen Schlaganfall. Eine Folge des Unfalls, vielleicht auch einer fehlerhaften Behandlung? Esad K. weiß es nicht. Egal. Er ist ein Kämpfer, will sein Leben weiterleben, nach dem Schlaganfall wieder ins Berufsleben zurückkehren. Dafür macht er sich stark – und auch für andere, schwächere Menschen. „Ich bin ja ein lockerer Typ und nicht anstrengend. Aber manchmal muss ich etwas sagen.“

Einmal hat er etwas zu einem Arzt gesagt. Dessen Praxis lag im zweiten Stock eines Altbaus. Weil der Lift, altbautypisch, zwischen den Stockwerken hielt, nahm er einen Pfleger und einen Freund mit, die ihn eine halbe Etage hochtrugen bis zum Einstieg und dann wieder eine halbe Etage hinunter in den zweiten Stock. Dann war er endlich beim Arzt, der rasch eine Diagnose erstellte und ein Rezept dazu. Esad K. stutzte, zweifelte, bat um eine Erklärung. „Da antwortete der Arzt, er würde mir das gerne ausführlich erklären. Ich müsste nur einen Privattermin machen und 200 Euro zahlen.“

Barrierefreiheit: Eine Frage der Haltung

Esad K. sagte dem Arzt seine Meinung und verließ die Praxis. Inzwischen hat er einen Neurologen gefunden, der sich die nötige Zeit nimmt. „Er hat sogar kürzlich meiner Pflegerin in aller Ruhe erklärt, was der Unterschied zwischen einem epileptischen Anfall und einer Spastik ist.“ Auch die Praxis des neuen Arztes ist nicht mit einem Lift erschlossen. „Aber er hat eine mobile Rampe, um die Stufen zu überbrücken. Und er packt selbst beim Rollstuhl mit an. Das passt doch.“ Barrierefreiheit, findet Esad. K., ist natürlich ein bauliches und technisches Thema. Aber vor allem eine Frage der Haltung.

Viele Maßnahmen kosten kein Geld, sondern nur etwas Zeit.

Das finden auch Stefan Hessenberger und Alexander Rudolph. Seit 2007 arbeiten die beiden Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen in einer gemeinsamen Praxis in München. 2011 zogen sie in neue Räume. „Barrierefreiheit haben wir damals gar nicht groß thematisiert, denn es war für uns einfach klar. Wir dachten, dass Barrierefreiheit Standard in allen Praxen ist.“ Genau unter die Lupe nahmen sie nur den Lift: „Er musste so groß sein, dass eine Trage hineinpasst; wir haben öfters auch Patienten, die liegend zu uns gebracht werden“, erklärt Alexander Rudolph. Bei der Ausstattung der Praxis vertrauten sie ihrer Innenarchitektin, die bereits Erfahrung mit Barrierefreiheit hatte.

Es ist gar nicht so viel, was man tun muss …

Die Praxistür ist besonders breit, genauso wie die Praxisflure. In den Räumen ist genug Platz, um Patientinnen und Patienten aus dem Rolli in den Behandlungsstuhl oder auf die OP-Liege zu heben. „Es ist gar nicht so viel, was man tun muss“, meint Stefan Hessenberger. „Und man muss ja auch mal herausstellen, dass viele Maßnahmen gar kein Geld kosten, sondern nur etwas mehr Zeit und die Bereitschaft, auf den Patienten einzugehen.“ Ihr Engagement sehen die beiden Ärzte nicht als gute Tat. „Wir verdienen unser Geld doch auch mit Menschen, die eine Behinderung haben“, sagt Hessenberger und Alexander Rudolph nickt.

Bildergalerie: der Praxis-Check!

Lift zur U-Bahn-Station am Ende einer gepflasterten Rampe.

Wichtig ist, dass man eine barrierefreie Praxis auch barrierefrei erreichen kann. Hier endet der Lift der U-Bahn-Station direkt an einer Rampe. Sie führt zu einem großen Gebäudekomplex, in dem auch die Arztpraxis liegt. Menschen mit Rollstuhl sind keine Fans von Kopfsteinpflaster. Hier gilt: je flacher die Steine, desto besser.

Flur eines Gebäudes mit mehreren Türen.

Kein Muss – aber ein toller Service: In dem Praxis- und Bürogebäude gibt es im Eingangsbereich eine Behindertentoilette. „Wusste ich noch gar nicht“, staunt Stefan Hessenberger. Er nimmt – wie viele seiner Patientinnen und Patienten – den Lift von der Tiefgarage direkt in sein Stockwerk.

Szene am Praxiseingang: Stefan Hessenberger hält die Praxistür auf.

Der Lift (links) wirkt ziemlich schmal. Doch der Platz reicht für einen Menschen im Elektrorollstuhl oder auf einer Trage – und die Begleitperson. Direkt daneben: Die extrabreite Eingangstür zur Praxis.

Porträtfoto: Esad K.

Esad K. hat als Rollstuhlfahrer sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Arztpraxen gemacht. Seit einer Weile ist er Patient in der Praxis für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie. „Als ich das erste Mal hingekommen bin, habe ich sofort Vertrauen gefasst.“

Empfangsbereich der Praxis.

Empfangsbereich, Flure und Räume der Praxis halten, was die großzügig bemessene Eingangstür verspricht. Hier gibt es keine Engpässe.

Flur in der Praxis.

Breite Flure, freundliche Farben: Orange macht Mut!

Blick in einen Behandlungsraum. Stefan Hessenberger sitzt auf einem Hocker neben dem Behandlungsstuhl.

Die meisten Menschen bekommen beim Anblick eines Zahnarztstuhls ein sehr flaues Gefühl. Für Menschen mit Behinderung ist er dagegen oft ein ersehntes Ziel. „Sie wissen: Hier klappt’s“, meint Mund-Kiefer-Gesichtschirurg Dr. Stefan Hessenberger.

Stefan Hessenberger in seinem Behandlungsraum.

Hessenberger selbst fürchtet übrigens nichts mehr, als fotografiert zu werden. Wir finden: Absolut fair, wenn auch der Chirurg mal weiche Knie bekommt …

Zuhören und herausfinden, was der Mensch braucht

„Vielfach sind Arztpraxen nicht barrierefrei (…). Jede fünfte allgemeinmedizinische Praxis hat rollstuhlgerechte Praxisräume. Über behindertengerechte Sanitärräume verfügen je nach Fachgebiet ein bis sieben Prozent der Praxen“, heißt es im Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lebenslagen von Menschen mit Beeinträchtigungen von 2013 (Seite 192). Besonders schlecht ist es um zahnärztliche und kieferchirurgische Praxen in Deutschland bestellt. Nur 15 Prozent haben danach einen barrierefreien Zugang, nur ein Prozent hat eine barrierefreie Toilette (Seite 201).

Esad K. hat einen guten Barrierefrei-Sensor entwickelt – für Räume wie für Menschen. Als sein letzter Weisheitszahn entfernt werden musste, empfahl ihm eine Nachbarin die Praxis der beiden Chirurgen. „Als ich das erste Mal hingekommen bin, habe ich sofort Vertrauen gefasst. Man kriegt schon ein Auge dafür: Wie viel Platz gibt es in der Praxis für den Rollstuhl, wie gehen die Damen am Empfang auf mich zu? Doktor Hessenberger war höflich, hat die richtigen Fragen gestellt und zugehört. Ich konnte in Ruhe nachfragen. Das bedeutet Barrierefreiheit für mich: Zuhören und herausfinden, was der Mensch braucht.“

Aha!

Der Anteil barrierefreier Arztpraxen wird sich jedoch stetig erhöhen. Werden heute Ärztehäuser oder andere Gebäude mit Einrichtungen des Gesundheitswesens errichtet, besteht in Bayern die gesetzliche Verpflichtung zum barrierefreien Bauen. Grundlage ist Artikel 48 der Bayerischen Bauordnung (BayBO).

Über die BayBO und zum Gesetzestext

Über die DIN 18040-1 und 18040-2

Wir verdienen unser Geld doch auch mit Menschen, die eine Behinderung haben.

Patientinnen und Patienten mit Querschnittslähmung, mit Glasknochen, mit Spastiken, mit Sinnesbehinderungen – Stefan Hessenberger gibt zu: „Am Anfang musste ich selbst die Scheu verlieren. Gerade die Kommunikation mit gehörlosen Patienten muss man einfach üben. Manche gehörlose Menschen können gut von den Lippen ablesen, andere bringen Dolmetscher mit. Alles Wichtige schreiben wir auf oder ich mache eine Skizze – wie bei hörenden Patienten auch.“ Für die Gemeinschaftspraxis gelte: „Wir behandeln alle Menschen – und alle Menschen gleich.“ Auch HIV-positive oder suchtkranke, drogenabhängige Menschen. „Sie sind super dankbar, wenn man ohne Ablehnung oder Vorbehalte auf sie zugeht. Das spricht sich herum und eine Woche später kommen drei andere Patienten.“

Stefan Hessenberger mit Schreibzeug auf dem Schoß.

Man braucht keine Hightech, um sich barrierefrei zu verständigen. Oft reichen Block und Kugelschreiber …

Stefan Hessenberger im Gespräch.

… und die Bereitschaft, sich auf den Patienten und seine Bedürfnisse einzulassen.

Menschen, die sich nicht selbst die Zähne putzen können – wegen einer Körperbehinderung oder altersbedingter Einschränkungen –, haben oft massive Zahnschäden. Immer wieder behandeln die beiden Ärzte Menschen mit fortgeschrittenen Demenzerkrankungen. Sie werden meist liegend in die Praxis gebracht. „Die wenigsten demenzkranken Patienten reagieren aggressiv oder ablehnend. Sie erinnern mich eher an kleine Kinder, deren Vertrauen man allmählich gewinnen muss. Oft haben sie Schmerzen durch kaputte Zähne, Abszesse oder Zysten. Sie merken schon, dass wir ihnen helfen; nach der Behandlung freuen sie sich.“

Nur 15 Prozent der Zahnarztpraxen in Deutschland sind barrierefrei zugänglich.

Johannes Hintersberger übergibt das Signet „Bayern barrierefrei“ an Alexander Rudolph und Stefan Hessenberger.

„Barrierefreiheit ist nicht nur ein sozialer Aspekt, sondern auch ein wirtschaftlicher“, meinte Bayerns Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger (rechts) bei der Übergabe des Signets „Bayern barrierefrei“ an Dr. Alexander Rudolph (links) und Dr. Stefan Hessenberger.

Signet-Übergabe in der barrierefreien Praxis.

„Es ist ja nicht unkeusch, sich mit Blick auf den demografischen Wandel zu fragen: Wie mache ich denn übermorgen meinen Umsatz?“ Hier stimmten ihm die beiden Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen zu: „Menschen mit Behinderung sind zahlende Kunden. So wollen wir sie auch behandeln.“

Leben verändern

Wer in Deutschland Mund-Kiefer-Gesichtschirurgin oder -chirurg werden möchte, muss Medizin und Zahnmedizin studieren; danach folgt die Facharztausbildung. 15 Jahre oder mehr dauert dieser Weg. Warum hat sich Stefan Hessenberger für diese Mammut-Ausbildung entschieden? „Ich habe Freude an der Interaktion mit Menschen, auch das Operieren macht mir viel Spaß. Mich befriedigt es, wenn ich eine konkrete Verbesserung für Menschen erreichen kann. Bei meinen Patienten hier und beim Einsatz für Interplast in Entwicklungsländern. Wenn ein Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte operiert wird, verändert sich sein Leben.“

Adressen und Lesetipps

Bundesweite Praxis-Datenbank

Die Datenbank „Arzt-Auskunft“ der Stiftung Gesundheit Fördergemeinschaft e. V. listet (Zahn-)Ärzte/-innen sowie psychologische Therapeuten/-innen aus ganz Deutschland auf. Detailliert wird darin ggf. über die barrierefreie Ausstattung für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderung bzw. eingeschränkter Mobilität sowie für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer informiert:

Zur Arzt-Auskunft der Stiftung Gesundheit

Weitere Projekte zur barrierefreien medizinischen Versorgung

Nach Angaben der Fördergemeinschaft bieten 68.000 Praxen in Deutschland eine oder mehrere barrierefreie Vorkehrung/en, 152.000 gar keine. (Quelle: Stiftung Gesundheit Fördergemeinschaft e. V. – grafische Darstellung)

Praxen in und um München

Der Club Behinderter und ihrer Freunde München (CBF) listet in einer Datenbank u. a. die Adressen von barrierearmen Praxen in und um München. Die Auswahl orientiert sich nicht an der DIN-Norm zur Barrierefreiheit, sondern am Praxistest. Dabei wird v. a. die Zugänglichkeit für Menschen geprüft, die eingeschränkt mobil sind bzw. im Rollstuhl sitzen:

Praxen in und um München für Menschen mit eingeschränkter Mobilität

Infos für Patientinnen und Patienten

Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung haben Infos und Links zum Thema Arztbesuch für Menschen mit Behinderung zusammengestellt:

Patienteninformation: barrierefreie Arztpraxis (PDF)

Linkliste: barrierefreie Arztpraxis

Interessanter Fachbeitrag – auch für Laien

Beitrag von Dr. Guido Elsäßer im Fachmagazin ZMK: Patienten mit Behinderung in der zahnärztlichen Praxis

Glossar

INTERPLAST-Germany e. V.

Die Mitglieder von INTERPLAST-Germany e. V. führen unentgeltlich plastisch-chirurgische Operationen in Entwicklungsländern durch. Ihre Patientinnen und Patienten haben z. B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Fehlbildungen von Hand oder Gesicht, schwere Verbrennungsnarben oder Tumoren der Haut und des Kopfes. Die Operationsteams fahren in ihrem Urlaub auf Einladung eines Krankenhauses oder eines Amtes für etwa zwei Wochen in das jeweilige Gastgeberland. Ärzte und Pflegekräfte vor Ort werden soweit möglich in die Arbeit eingebunden und angelernt. Im Idealfall können sie anschließend die Arbeit selbstständig weiterführen. Die entstehenden Kosten werden durch Spendengelder sowie den Jahresbeitrag der Mitglieder finanziert.

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