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Bayern barrierefrei

Interview mit Staatsministerin Emilia Müller

München, November 2015. Für Bayerns Sozialministerin Emilia Müller ist die Aufklärungsarbeit genauso wichtig wie praktische Umsetzung von Barrierefreiheit. Die gesamte Gesellschaft müsse für die vielfältigen Barrieren sensibilisiert werden, betont sie im „Barrierefrei“-Gespräch. Worüber sie sich freut: „An vielen Orten erkenne ich schon einen Bewusstseinswandel. Barrierefreiheit wird von Anfang an mitgedacht.“

Sozialministerin Emilia Müller hält ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Bayern barrierefrei“ in die Kamera.

„Mein Herz schlägt für `barrierefrei´!“ – Sozialministerin Emilia Müller auf der ConSozial 2015, der größten Kongressmesse für die Sozialwirtschaft in Deutschland.

Über Emilia Müller

Porträtfoto Emilia Müller

Emilia Müller gehört seit 2003 der Bayerischen Staatsregierung an. Seit 2013 ist sie Bayerische Sozialministerin.

Meine Meinung

„Barrierefreiheit ist für sehr viele Menschen sehr wichtig. Als eines der ersten Bundesländer hat Bayern im Jahr 2003 ein Behindertengleichstellungsgesetz erlassen. Eine weitere wichtige Etappe ist der Start unseres Programms `Bayern barrierefrei´ .“

„Wir müssen die ganze Gesellschaft sensibilisieren.“


Frau Staatsministerin, was bedeutet für Sie persönlich Barrierefreiheit?

Emilia Müller: Barrierefreiheit ist für mich mehr als abgesenkte Bürgersteigkanten und Rampen. Das ist auch leichte Kommunikation und Orientierung. Sie ist wichtig für Menschen, die Einschränkungen des Sehens, Sprechens und Hörens oder der geistigen Fähigkeiten haben. Wer beispielsweise einmal an einem Essen im Dunkelcafé teilgenommen hat, bekommt einen völlig anderen Blick auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten von sehbehinderten Menschen. Wir brauchen eine Sensibilisierung der ganzen Gesellschaft für die vielfältigen Barrieren.

„Barrierefreiheit ist für mich kein Ziel, das man eines Tages erreicht, sondern ein Prozess, den wir immer weiter vorantreiben müssen – gemeinsam!", sagt ein bayerischer Barrierefrei-Macher im Gespräch mit barrierefrei.bayern.de. Was sind für Sie wichtige Etappen in diesem Prozess?

Barrierefreiheit ist für sehr viele Menschen sehr wichtig. Das wollen wir Schritt für Schritt erreichen. Barrierefreiheit ist ein langer Prozess. Eine ganz wichtige Etappe war 2013 die Regierungserklärung des Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Er hat das Thema Barrierefreiheit bekanntgemacht. An vielen Orten erkenne ich schon einen Bewusstseinswandel bei den Menschen. Ich sehe eine zunehmende Sensibilität für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung. Barrierefreiheit wird von Anfang an mitgedacht, mitgeplant und mit umgesetzt.

Eine weitere wichtige Etappe ist der Start unseres Programms "Bayern barrierefrei". Wir fangen daher mit drei Handlungsfeldern an: Mobilität, Bildung und staatliche Gebäude, die öffentlich zugänglich sind. Uns ist bewusst: Alles auf einmal geht nicht.

Welche Ziele hat Bayern in den vergangenen Jahren schon erreicht?

Bayern hat sich vor langem auf den Weg gemacht. Als eines der ersten Bundesländer hat Bayern im Jahr 2003 ein Behindertengleichstellungsgesetz erlassen. Damit haben wir z. B. erreicht, dass öffentliche Gebäude seitdem barrierefrei gebaut werden sollen. Oder ein anderes Beispiel: Seitdem haben hörbehinderte Menschen das Recht mit Behörden in Gebärdensprache zu kommunizieren. Auch bei privaten Bauvorhaben hat sich in den letzten Jahren viel getan: Wer zum Beispiel ein Gebäude mit mehr als zwei Wohnungen baut, muss so bauen, dass ein Geschoss barrierefrei erreichbar ist.

Für Barrierefreiheit sind alle verantwortlich: der Staat genauso wie Unternehmen, Institutionen, Verbände, wir alle, vom Vermieter bis zum Ladenbesitzer. Hier sind nicht nur finanzielle Mittel gefragt, sondern auch Informationen. Wie kann der Freistaat unterschiedliche Akteure unterstützen?

Die Bayerische Architektenkammer informiert mit ihren „Beratungsstellen Barrierefreiheit" seit vielen Jahren. Als Partnerin des Programms „Bayern barrierefrei" wird sie nun ihr Angebot und ihre Standorte in ganz Bayern ausbauen. Die Standorte werden von acht auf achtzehn mehr als verdoppelt. Die Beratungsstellen beraten in Zukunft in allen Fragen der Barrierefreiheit.

Das geht vom barrierefreien Bauen bis zum barrierefreien Internet. Beim barrierefreien Internet werden auch die Beratungsstellen von der Stiftung Pfennigparade unterstützt. Mit ihr haben wir einen starken und renommierten Partner für den IT-Bereich gefunden. Die Erstberatung ist für Ratsuchende wie Kommunen, Verbände, Architekten, Ladenbesitzer oder Mieter kostenlos. Bei Bedarf werden weiterführende Kontakte und Ansprechpartner vermittelt.

Die Staatsregierung will gerade auch die Inklusion in das Berufs- und Erwerbsleben weiter verbessern und besonders fördern. Bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt von Menschen mit Behinderung haben wir viel erreicht. Aber: Damit sind wir noch nicht zufrieden. Mir scheint, dass die Chefs, die Entscheider in den Unternehmen noch besser informiert werden müssen. 2016 starten wir eine bayernweite Kampagne speziell zur „Inklusion in der Arbeitswelt“.

Was für den Menschen im Rollstuhl eine prima Lösung ist (z. B. ein komplett abgesenkter Gehsteig), bedeutet möglicherweise für einen blinden Menschen eine neue Barriere (weil er den Übergang vom Gehweg zur Straße nicht mehr mit dem Langstock ertasten kann). Kann es überhaupt eine völlig barrierefreie Welt für alle Menschen geben?

Eine völlig barrierefreie Umwelt kann es nicht geben. Die unberührte Natur ist nicht barrierefrei. Wir wollen Barrierefreiheit dort schaffen, wo viele Besucher verkehren. Und wo der Abbau von Barrieren für die alltäglichen Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger in Bayern besonders wichtig ist.

 




 

Barrierefreiheit erleichtert nicht nur Menschen mit dauerhafter Behinderung das Leben. Schon ein Gipsbein macht den Alltag zum Hürdenlauf. Sie selbst mussten nach einem Unfall im Sommer 2015 mehrere Wochen lang mit Krücken gehen. Wie haben Sie Ihre Umwelt erlebt?

Mir ist wieder deutlich geworden, mit welchen Barrieren gehbehinderte Menschen Tag für Tag leben müssen. Ständig stößt man auf Hindernisse: eine Treppe, die man bisher eigentlich gar nicht wahrgenommen hat. Oder ein enger Raum, in dem man sich mit Krücken kaum bewegen kann. Das wollen wir mit unserem Programm "Bayern barrierefrei" ändern.