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Bayern barrierefrei

Interview mit Bayerns Behindertenbeauftragter Irmgard Badura

München, November 2015. „Miteinander – mittendrin“ ist das Motto von Irmgard Badura und zugleich das Ziel ihrer Arbeit. Damit das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung gelingt, müssen wir Barrieren abbauen: in unserer Umwelt, im Internet, in vielen Köpfen. Als Behindertenbeauftragte der Staatsregierung gestaltet Irmgard Badura eine barrierefreie Zukunft mit.

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Über Irmgard Badura

Porträtfoto Irmgard Badura

Seit 2009 ist Irmgard Badura die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Vorher war die Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin u. a. beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. tätig. Irmgard Badura hat von Geburt an eine degenerative Netzhaut-Erkrankung. Heute hat sie eine Sehkraft von zwei Prozent. Ihr Gesichtsfeld ist, wie sie sagt, „auf ein Schlüsselloch" verengt.

Meine Meinung

„Barrierefreiheit bedeutet für mich, dass eine Beeinträchtigung einen Menschen nicht mehr behindert. Wenn Menschen die Schalter einer Waschmaschine nicht drücken können – dann muss es eben eine alternative Lösung geben, z. B. eine Fernbedienung für die Waschmaschine.“

 

„Seien Sie einfach bereit, mitzudenken!“


Frau Badura, worüber ärgern Sie sich?

Irmgard Badura: Wenn Menschen mit Behinderung auf das reduziert werden, was sie nicht können! Das macht mir persönlich etwas aus. Leider passiert es in Deutschland noch oft, dass an Menschen nur ein einziges Merkmal – z. B. eine Behinderung – wahrgenommen wird. Ein Bewusstseinswandel ist nötig: Nicht der Mensch mit Behinderung ist das Problem – sondern die Barriere!

Als Behindertenbeauftragte müssen Sie dicke Bretter bohren …

Das sind total dicke Bretter. Manchmal ärgere ich mich schwarz. Aber: Es bewegt sich etwas. Auch dadurch, dass Ministerpräsident Seehofer in seiner Regierungserklärung das Jahr 2023 als Zielmarke für ein barrierefreies Bayern gesetzt hat. Natürlich ist umfassende Barrierefreiheit in ganz Bayern bis 2023 unerreichbar – aber hätte er 2053 gesagt, hätte man das Thema auf die lange Bank geschoben. Deshalb bin ich für „2023“ dankbar.

Was sind für Sie die drei wichtigsten Ziele bei der Umsetzung von Barrierefreiheit?

Das ist erstens die flächendeckende Mobilität. Seit den 1960er-Jahren wurde zu viel aufs Auto gesetzt, der öffentliche Personenverkehr ist oft auf der Strecke geblieben. Wir brauchen einen funktionierenden Nahverkehr und Zugang zum Fernverkehr in allen Regionen. Das ist wichtig für alle Menschen. Und natürlich müssen die öffentlichen Verkehrsmittel auch barrierefrei nutzbar sein.

Ein zweiter Schwerpunkt ist die Bildung. Ich denke hier nicht nur an die barrierefreie Schule oder die rollstuhlgerechte Volkshochschule, sondern auch an Online-Lernangebote. Dafür sind schnelle Internetverbindungen nötig – und auch von denen profitieren alle.

Und drittens geht es um unsere Haltung – die Barrieren im Kopf. Eine Beeinträchtigung muss keine Behinderung sein. Wir müssen wegkommen von der Einstellung, dass behinderte Menschen immer hilfsbedürftig sind. Man kann nur immer wieder zitieren: `Es ist normal, verschieden zu sein´. Wir brauchen einen normalen Umgang miteinander.

Wie können wir diese Normalität erreichen?

Ein gutes Beispiel ist für mich das universelle Design, das auch die UN-Behindertenrechtskonvention als Ziel beschreibt. Universelles Design bedeutet, z. B. Gebäude, Produkte oder Dienstleistungen so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen sie einfach nutzen können. Also keine besondere Lösung für Menschen mit Behinderung, sondern Barrierefreiheit als Standard für alles und für alle.

Oft springt einem heutzutage die „Hilfebedürftigkeit“ im Design für Menschen mit Behinderung ja noch richtig entgegen. Es ist doch auch möglich, z. B. die barrierefreie Einrichtung in einem Hotel schick zu gestalten!

Der Fortschritt in Design und Technik öffnet viele Türen. Manchmal baut er aber auch neue Hürden auf. Beispiel Aufzüge: Kaum sind in neuen Aufzügen Bedienfelder mit Tastschrift üblich, gibt es plötzlich Aufzüge mit Touchscreens. Diese Berührungs-Bildschirme sehen vielleicht gut aus, aber blinde und sehbehinderte Menschen können sie nicht bedienen und manche ältere Menschen sind überfordert. Barrierefreiheit bedeutet auch: die Nutzerinnen und Nutzer mit in die Entwicklung einzubeziehen. Ob das nun Menschen mit Behinderung sind, ältere Leute, Kinder oder beim Küchendesign auch mal Hausfrauen oder Hausmänner.

Universelles Design schließt übrigens Dienstleistungen ausdrücklich mit ein. Wer die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung mit bedenkt – oder erfragt! – kommt oft auf die einfachsten und besten Lösungen. Wenn z. B. die Putzkräfte im Hotel den Duschkopf nicht oben an der Stange feststellen, sondern unten, dann können auch Menschen im Rollstuhl ihn gut erreichen. Das muss nur festgelegt werden und kostet gar nichts. Einfacher geht’s nicht.

Ich kenne ein Kaufhaus, das eine Begleitung z. B. für blinde und sehbehinderte Menschen anbietet. Man muss sich vorher anmelden. Am vereinbarten Termin wird man am Eingang von einer Assistentin in Empfang genommen. Mit ihr bespricht man, was man sucht – und wird dann in die richtige Abteilung begleitet. Das ist ein toller Service und bringt schließlich auch dem Anbieter mehr Kunden.

Halten Services wie dieser der offiziellen Definition von Barrierefreiheit stand? Als barrierefrei gelten laut den Behindertengleichstellungsgesetzen des Bundes und Bayerns Angebote dann, wenn Menschen mit Behinderung sie ohne fremde Hilfe wahrnehmen können.

Menschen mit Behinderung ist es wichtig, ihr Leben individuell gestalten zu können. Wenn eine Assistenz dabei helfen kann – na und! Wir sind Menschen. Miteinander zu leben, das gehört dazu. Generell sollte man dem Service wieder mehr Gewicht geben. Das ist ein Gewinn an Komfort für alle.

 
 

Nicht immer reicht die gute Idee; teilweise kostet die Umsetzung von Barrierefreiheit viel Geld. Was sagen Sie Verantwortlichen, die auf begrenzte Mittel hinweisen?

Natürlich ist für mich als Behindertenbeauftragte die maximale Barrierefreiheit das Ziel. Denn Kompromisslösungen nützen manchen Betroffenen, aber schließen andere weiterhin aus. Doch ein Angebot, das NOCH nicht ALLE Anforderungen erfüllt, kann ein erster Schritt sein. Warum also nicht diesen ersten, machbaren Schritt tun?

Wie können wir den Abbau von Barrieren, auch in den Köpfen, beschleunigen?

Ganz wichtig finde ich, dass Menschen mit Behinderung Politik mitgestalten können. Hier muss der Staat vorangehen, Chancen öffnen, die Begegnung überhaupt ermöglichen. Menschen mit Behinderung, die sich in Politik und Gesellschaft engagieren wollen, sollten willkommen geheißen werden. Wir brauchen barrierefreie Gemeinde- und Rathäuser, barrierefreie Info-Angebote. Auch hier gilt wieder: Das Mitdenken muss selbstverständlich werden. Wenn ein gehörloser Mensch in einem Gremium sitzt: Muss er vor jedem Treffen darum bitten, dass ein Gebärdensprachdolmetscher hinzugezogen wird oder sollten die Verantwortlichen selbst daran denken? Genauso selbstverständlich ist allerdings: Wenn bei einer Veranstaltung niemand einen Gebärdensprachdolmetscher braucht, dann muss auch keiner gebucht werden.

Wie bringen Sie persönlich die Barrierefreiheit voran?

Ich berate die Staatsregierung und wirke an Gesetzentwürfen und Konzepten in Bayern mit. Auch die Vernetzung und der Austausch mit Betroffenen und Fachleuten gehört zu meinen Aufgaben. Durch mein Auftreten kann ich dazu beitragen, die Kurbel weiterzudrehen. Ich weise auf gute Beispiele hin und auf die Vorteile, die Barrierefreiheit für alle Menschen bietet. Ich mache auf Info- und Beratungsangebote aufmerksam, z. B. auf die Beratungsstelle Barrierefreiheit der Bayerischen Architektenkammer.

Es ist ein schöner Erfolg, dass mit dem Wintersemester 2015/16 an der Hochschule Landshut der Bachelor-Studiengang Gebärdensprachdolmetschen startet – der größte in Deutschland. Ich freue mich auch darüber, dass große Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sich allmählich nach außen öffnen. Inklusion ist keine Einbahnstraße; nur wenn beide Seiten aufeinander zugehen, kann Inklusion gelingen. Auch mein Amt zeigt, dass das Thema Teilhabe an Gewicht gewinnt. 2009 habe ich als ehrenamtliche Behindertenbeauftragte begonnen, 2014 wurde dieses Ehrenamt zum Hauptamt.

Und was kann ich tun?

Seien Sie einfach bereit, mitzudenken und miteinander den Weg zu gehen. Und sehen Sie erst den Menschen – und dann seine Behinderung.

TIPP:

Mehr erfahren über Irmgard Badura: zur Website der Bayerischen Behindertenbeauftragten