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Bayern barrierefrei

Im Gespräch mit … Thomas Lenzen

München, November 2016. Wir schreiben die 80er-Jahre. Menschen mit Behinderung können ihr Leben selbstbestimmt und selbstständig gestalten? Was für eine Idee! Während viele Leute noch die Köpfe schütteln, ist man in der Bayerischen Architektenkammer schon weiter. Einige Vorstandsmitglieder erkennen Barrierefreiheit als Zukunftsthema; unterstützt vom Bayerischen Sozialministerium richten sie die Beratungsstelle Barrierefreies Bauen ein. Ein Erfolgskonzept: Seit 30 Jahren ist die Beratungsstelle eine Top-Adresse für alle Fragen rund ums barrierefreie Bauen und Wohnen. Seit 2015 deckt das Beratungsangebot Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen ab – an mittlerweile 18 Standorten in Bayern.

Porträtfoto: Thomas Lenzen.

Über die Beratungsstelle Barrierefreiheit

Emilia Müller übergibt Förderbescheid für Bayerische Architektenkammer.

Wie gestalte ich mein Badezimmer, einen Kinderspielplatz, unsere Firmen-Website oder eine Infobroschüre barrierefrei? Fachleute und Laien bekommen an den 18 Standorten der bayerischen Beratungsstelle Barrierefreiheit alle wichtigen (Erst-)Infos, Tipps und Adressen. Die Beratung ist kostenlos und neutral. Die Beratungsstelle ist Partnerin der Bayerischen Staatsregierung im Programm „Bayern barrierefrei“. Bayerns Sozialministerin Emilia Müller übergab 2015 einen Förderbescheid über mehr als 360.000 Euro an Lutz Heese, den ehemaligen Präsidenten der Bayerischen Architektenkammer.

Schauen Sie mal rein …

In unserem Servicebereich finden Sie ausführliche Infos über die Beratungsstelle Barrierefreiheit und die 18 Standorte.

Über Thomas Lenzen

Porträtfoto: Thomas Lenzen.

Thomas Lenzen ist Geschäftsführer Architektur und Technik bei der Bayerischen Architektenkammer. Er leitet die Beratungsstelle Barrierefreiheit.

Meine Meinung

„Qualitätssicherung heißt auch: nicht über die Köpfe hinweg planen, sondern immer die Betroffenen, z. B. Menschen mit Behinderung oder ältere Menschen, einbeziehen.“

Herr Lenzen, wer wendet sich an die Beratungsstelle Barrierefreiheit?

Im Wohnungsbau spielte noch bis in die 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts die Barrierefreiheit, z. B. der barrierefreie Zugang zur Wohnung und die barrierefreie Nutzbarkeit der wesentlichen Räume, keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Man baute z. B. traditionell Stufen vor den Eingang, um u. a. Regen, Spritzwasser und Schnee vom Hauseingang fernzuhalten. Dann stieg bei den Menschen der Anspruch, auch im Alter selbstbestimmt und eigenständig im vertrauten Umfeld leben zu können. Auch die uneingeschränkte Nutzbarkeit der öffentlich zugänglichen Gebäude – seit 1974 stellt die Bayerische Bauordnung hierzu Anforderungen – und die Orientierung im öffentlichen Raum gewannen an Bedeutung. Bauherren wünschten sich barrierefreie Lösungen und die Architektur musste reagieren – Fachleute, v. a. Architekten und Planer, wandten sich vermehrt an unsere Expertinnen und Experten, um mit ihnen gemeinsam Lösungswege zu entwickeln.

Heute suchen zu 60 Prozent Privatleute, Betroffene oder öffentliche Auftraggeber, besonders Kommunen, unsere Beratung. Also Menschen und Institutionen, die entweder selbst betroffen sind und/oder für die persönliche Zukunft sorgen wollen – oder aber für einen Teil der sog. Daseinsvorsorge verantwortlich zeichnen. Weitere 40 Prozent sind Fachleute, v. a. Architekturbüros und Handwerksbetriebe.

Aha!

Die Daseinsvorsorge ist eine kommunale Aufgabe. Sie umfasst alle Leistungen, die Menschen für ihr Dasein brauchen. Die Daseinsvorsorge sichert also die Grundversorgung unserer Gesellschaft – z. B. mit Wasser, Energie, Krankenhäusern, öffentlichen Verkehrsmitteln oder der Müllabfuhr.


Bis 2015 drehte sich das Angebot ausschließlich ums Bauen und Wohnen. Heute wird Beratung zu allen Lebensbereichen angeboten. Wie haben sich Ihre Beraterinnen und Berater in die neue Angebotsvielfalt eingearbeitet – z. B. rund ums Thema Internet?

Im Grunde gelten in allen Lebensbereichen, bezogen auf die Anforderungen der Barrierefreiheit, ähnliche Prinzipien wie bei Gebäuden. Neben der Schutzwirkung, Funktionalität und Behaglichkeit ist auch die Vermittlung von Informationen ein typisch bauliches Thema. In der Architektur sind gute Orientierung, nachvollziehbare Infos, Leitsysteme, Kontraste, Schriften und Farben wesentliche Elemente, die die Nutzbarkeit von Gebäuden bestimmen. Oft liegt die Kunst darin, Komplexes einfach darzustellen und komplizierte Abläufe zu vereinfachen. Darin sind Architekten besonders geschult.

Nicht umsonst besteht unser Expertenteam überwiegend aus Architektinnen und Architekten, zwei Innenarchitektinnen und einem Landschaftsarchitekten. Aber auch zwei Sozialpädagogen gehören dazu. Alle verfügen über umfassende Beratungskompetenz und Kenntnisse in allgemeinen Fragen der Barrierefreiheit. Fast alle bieten Spezialwissen z. B. zur Gestaltung von Alten- und Pflegeheimen, zu barrierefreien Freianlagen und Spielplätzen oder zu Finanzierungsfragen und Fördermöglichkeiten.

Im Bereich der Information und Kommunikation gewinnt inzwischen der „digitale Raum“ immer mehr an Bedeutung. Viele der zuvor genannten Aspekte, die unseren Beratern im Zusammenhang mit baulichen Anlagen bekannt sind, spielen auch bei der Gestaltung von barrierefreien Websites eine wesentliche Rolle – oder z. B. bei der Entwicklung von Kommunikationsmedien im Zusammenhang mit dem barrierefreien Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Hier ist auch die sog. „Leichte Sprache“ wichtig, die dazu dient, komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich darzustellen.

Um im Rahmen der Erstberatungen zu diesen Themen wertvolle Hinweise geben zu können, wurden unsere Berater intensiv von den Experten der Stiftung Pfennigparade geschult.

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Pfennigparade haben wir Workshops für das Beratungsteam veranstaltet. Geleitet wurden sie von Expertinnen und Experten, die selbst Behinderungen haben. Sie haben uns als Fachleute und Insider für viele Aspekte sensibilisiert, das war toll. Heute bietet unser Beratungsteam eine qualifizierte Erstberatung zu allen Fragen der Barrierefreiheit. Bei Bedarf vermitteln sie die Ratsuchenden weiter.

Die Beratungsstelle Barrierefreiheit sucht die Zusammenarbeit mit lokalen Netzen und baut sie gezielt aus.

 


An wen vermittelt das Beratungsteam weiter?

Z. B. an weiterführende Ansprechpartner vor Ort. Das können Verbände, Vereine oder Selbsthilfeorganisationen sein, mit denen wir gerne in der Region kooperieren. Insbesondere auch die kommunalen Behindertenbeauftragten und die Wohnberatungsstellen sind für unser Netzwerk wichtig. Unsere Berater suchen die Zusammenarbeit mit lokalen Ansprechpartnern und bauen die Kooperationen gezielt aus. Unser Ziel ist es, dass nach einer Erstberatung das weitere Vorgehen und die hierfür nötigen Ansprechpartner erkennbar sind, wir wollen die Wege aufzeigen, die zur konkreten Umsetzung von Maßnahmen nötig sind.
Was wir nicht wollen und dürfen: Ratsuchende an einen bestimmten kommerziellen Anbieter verweisen, z. B. ein einzelnes Architekturbüro, einen Handwerksbetrieb oder einen IT-Dienstleister. Wir achten mit Argusaugen auf Neutralität – besonders auch darauf, dass die Beraterinnen und Berater ihre Tätigkeit für uns nicht mit eigenen wirtschaftlichen Interessen verquicken. Was wir aber tun können: Ratsuchenden eine Auswahl von infrage kommenden qualifizierten Anbietern in der Region an die Hand geben.

Wir sind darin geschult, Komplexes einfach darzustellen.

 


Endet Ihre Beratung mit der allgemeinen Information?

Nein, das muss gar nicht sein. Nehmen wir zwei Beispiele: Ein junger Mann sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl und möchte wissen, wie er seine Wohnung rollstuhlgerecht gestalten kann. Oder eine ältere Dame möchte vorbeugen und ihr Haus barrierefrei gestalten. Wir zeigen ihnen die Möglichkeiten auf, bei größeren Vorhaben eventuell auch einmal bei einem Termin vor Ort. Wir erklären ihnen, welche Fachleute die Umsetzung übernehmen können – und wie sie geeignete finden. Wenn Ratsuchende dann z. B. einen Architekten oder Handwerker beauftragt haben, können auch diese sich wieder mit ihren detaillierten Fragen an uns wenden.

Genauso verhält es sich, wenn z. B. eine Kommune ein barrierefreies Web-Portal aufbauen oder ein Verein seine Informationen in Broschüren oder im Internet auch in Leichter Sprache vermitteln möchte. Oder auch bei Großprojekten, z. B. wenn eine Gemeinde ihre Busse und Haltestellen barrierefrei nachrüsten will und dabei an geschlossene Wege- und Informationsketten und auch an die Vernetzung mit externen Partnern denken muss.

Grundriss einer rollstuhlgerechten Küche.

Bayern barrierefrei gestalten: An 18 Standorten bayernweit deckt das Team der Beratungsstelle Barrierefreiheit alle Lebensbereiche und Handlungsfelder ab …

Smartphone-Ansicht einer barrierefreien Website.

… vom barrierefreien Bauen und Wohnen bis zur Barrierefreiheit im Internet.


Manchmal werden auch hohe Kosten zur Barriere – z. B., wenn im eigenen Haus umfangreiche Umbauten nötig sind ...

In unserem Team arbeiten auch eine Sozialpädagogin und ein Sozialpädagoge. Sie beraten speziell zu sozialen Fragen und zu Fördermöglichkeiten, z. B. leistungsfreien Baudarlehen des Freistaats oder günstigen Finanzierungsmöglichkeiten der KfW-Förderbank.

Aha!

Der Freistaat Bayern fördert die behindertengerechte Anpassung von bestehendem Eigen- und Mietwohnraum mit leistungsfreien Baudarlehen von bis zu 10.000 Euro. Voraussetzung sind u. a. bestimmte Einkommensgrenzen.

Auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bietet Kredite und Zuschüsse für den Barriereabbau im Wohnungsbestand.

Weitere Infos: Förderung von barrierefreiem Wohnen

Mehr erfahren über die Beratungsstelle Barrierefreiheit

Wer, wo, was und wann: In unserem Serviceteil finden Sie alle Infos zur Beratungsstelle Barrierefreiheit.

Weitere Infos zum Thema mit Bezug zu baulichen Fragen und Herausforderungen im Planungsalltag liefern zwei Broschüren – als Leitfaden für Architekten, Fachingenieure, Bauherren und Interessierte zur DIN 18040:

  • Barrierefreies Bauen 1: „Öffentlich zugängliche Gebäude“
  • Barrierefreies Bauen 2: „Barrierefreie Wohnungen“

Die Hefte sind kostenlos erhältlich unter www.byak.de

Wissen Sie, was das Fuß-und-Roll-Prinzip ist? Nein? Dann sind Sie bei der Beratungsstelle Barrierefreiheit genau richtig. Oder bei unserem Barrierefrei-Quiz!