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Bayern barrierefrei

Im Gespräch mit … Christine Degenhart, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer

München, Dezember 2018. Seit mehr als 30 Jahren ist die Beratungsstelle Barrierefreiheit eine Anlaufstelle zu Fragen rund ums barrierefreie Planen, Bauen und Wohnen. Betrieben wird sie von der Bayerischen Architektenkammer, gefördert vom Bayerischen Sozialministerium. Ab 2015 wurde das Beratungsangebot auf alle Lebensbereiche und inzwischen 18 Standorte ausgeweitet. Heute ist die Beratungsstelle Barrierefreiheit auch eine gute Adresse für alle, die z. B. ihre Website barrierefrei gestalten oder Infos in Leichter Sprache anbieten wollen. Immer mehr im Blick sind große Herausforderungen: Christine Degenhart, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, schildert in unserem Interview, was Barrierefreiheit mit der Wiederbelebung von Ortskernen zu tun hat!

Porträtfoto: Christine Degenhart.

Über Christine Degenhart

Porträtfoto: Christine Degenhart.

Architektin Christine Degenhart ist seit 2016 Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer. Davor war sie u. a. als Beraterin und Sprecherin der Beratungsstelle Barrierefreiheit tätig.

Meine Meinung

„Es ist nicht immer die bessere Lösung, einen langen Weg lückenlos barrierefrei zu gestalten. Oft wäre es sehr viel nachhaltiger, die Wege zu verkürzen – also z. B. Läden und Gewerbe wieder in die Ortskerne zu holen. Das ist besonders für ältere Menschen wichtig.“

Wir müssen kaum noch Grundlagen erklären

Von der rollstuhlgerechten Rampe bis zur barrierefreien App: Wo besteht heute der größte Beratungsbedarf? Und wer macht Bürgerinnen und Bürger fit in Barrierefreiheit?

Das hat eine ganz lange Tradition; wir setzen uns schon seit mehr als 30 Jahren mit dem Thema auseinander. 1981 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen das „Internationale Jahr der Behinderten“ ausgerufen und u. a. eine umfassende Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben gefordert. Daraufhin wurde auch die Bayerische Architektenkammer sofort aktiv. Noch im selben Jahr rief sie ein entsprechendes Beratungsangebot ins Leben. Großzügig unterstützt vom Bayerischen Sozialministerium nahm das erste Team der Beratungsstelle „Planen und Bauen für alte und behinderte Menschen“ seine Arbeit auf; es war schon damals fachübergreifend aufgestellt. Die ersten Fragen waren solche wie: „Wie steil darf eine Rampe sein?“ Vieles war noch gar nicht in trockenen Tüchern, sprich: normiert.

Von Anfang an wurden die Beratungen als ein Beitrag für die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung begriffen. Das ist bis heute so, es bildet das Fundament unseres Selbstverständnisses und ist Motivation unserer Arbeit. Parallel wurde in den 80er-Jahren im Bayerischen Sozialministerium erkannt, wie wichtig es ist, Architektinnen und Architekten gute Informationen zum Thema Barrierefreiheit anzubieten. Hier sind zwei exzellente Partner zusammengekommen: engagierte Fachleute aus der Architektur und ein engagiertes Ministerium.

Ja – ganz wesentlich! Ich durfte die Beratungsstelle mehr als ein Jahrzehnt lang sehr intensiv begleiten, als Beraterin und als Sprecherin, und habe die Entwicklung miterlebt. Wir müssen kaum noch Grundlagen erklären. Heute kommen viele Kolleginnen und Kollegen zu uns, weil sie kniffelige Detailprobleme besprechen wollen. Das wachsende Know-how verdanken wir auch unseren Seminaren zum Thema Barrierefreiheit und den Veröffentlichungen, im Internet und in Broschüren. Unsere Leitfäden zum barrierefreien Bauen stehen auch im Digitalzeitalter fast in jedem Architekturbüro als Arbeitshilfe und Nachschlagewerk im Regal.

Außerdem ist das Bewusstsein bei den Kolleginnen und Kollegen ein anderes geworden. Barrierefreiheit wird heute schon in den Hochschulen vermittelt. Wir spüren diese positive Entwicklung in den Seminaren an unserer Akademie und in unseren Veranstaltungen. Unser Fortbildungsangebot an der Akademie richtet sich an Fachleute aus Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Alle diese Fachrichtungen müssen barrierefrei denken und planen – nicht nur derjenige, der ein Gebäude plant. In der Innenarchitektur geht es z. B. um Licht, um Farben, um Mobiliar, um Orientierung im Raum. In der Stadtplanung geht es darum, Quartiere mit einer Infrastruktur zu entwickeln, die ältere Menschen genauso wie z. B. junge Familien unterstützt. Auch die Landschaftsarchitektur ist in ganz verschiedenen Bereichen gefordert. Das reicht von der Gestaltung einer Gartenschau bis hin zur Bepflanzung eines Gartens für demenzkranke Menschen, wo man eben keine giftigen Pflanzen vorfinden darf. Bestmögliche Teilhabe ist das Ziel. Damit der öffentliche Raum für möglichst alle gut erreichbar und nutzbar ist.

Ein gepflasterter Weg windet sich durch eine Gartenanlage.

Die barrierefreie Route ist in diesem Klostergarten nicht gerade die kürzeste. Aber die schönste! Anmutig schlängelt sich der stufenlose Weg durch die Anlage und lädt zur meditativen Betrachtung ein.

Neue Top-Themen, z. B. barrierefreies Internet

Seit Mitte 2015 hat die Beratungsstelle ihr Angebot erweitert – vom barrierefreien Bauen und Wohnen auf Fragen der Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen.

Das Interesse nimmt zu. Zu unseren großen Themen gehört seither auch die barrierefreie Kommunikation – z. B. die Leichte Sprache und ganz besonders die barrierefreie Internetnutzung. Hierzu haben wir zahlreiche Nachfragen von Kommunen, die über ihre Websites möglichst alle Bürgerinnen und Bürger erreichen wollen. Eine barrierefreie Website muss z. B. eine klar strukturierte Menüführung anbieten, mit der sich auch blinde und sehbehinderte Menschen zurechtfinden. Das Schöne ist, dass mit solchen Maßnahmen allen Nutzerinnen und Nutzern geholfen wird – denn wer schätzt nicht einen nutzerfreundlichen Zugang zu wichtigen Informationen! Wenn es um Barrierefreiheit im digitalen Raum geht, haben wir mit der Stiftung Pfennigparade ein Team von kompetenten Expertinnen und Experten an unserer Seite. Unser Beratungsteam leistet für die Ratsuchenden in erster Linie eine fundierte Erstberatung, wobei einer unserer Fachleute zielgerichtet Schwerpunktberatungen zur digitalen Barrierefreiheit anbietet. Bei besonderem Bedarf ziehen wir auch weitere Spezialistinnen und Spezialisten der Pfennigparade hinzu.

Aha!

Wie stark das erweiterte Angebot der Beratungsstelle Barrierefreiheit nachgefragt wird, zeigen einige Zahlen:

  • Von 2014 bis 2017 stieg die Zahl der Beratungsstandorte von 8 auf 18.
  • Parallel dazu entwickelten sich die Beratungsanfragen steil nach oben. Wurden 2014 noch 1.500 verzeichnet, so waren es 2017 schon 2.793.
  • Das Beratungsvolumen verdoppelte sich im selben Zeitraum fast – von 1.903 auf 3.727 Stunden.

Wir sind stolz, dass wir ein grobmaschiges Beratungsnetz mit 18 Anlaufstellen in ganz Bayern anbieten können. Ratsuchende finden uns an den Regierungssitzen, Landratsämtern oder anderen zentralen Orten in ganz Bayern. Wo wir nicht vor Ort sind und außerhalb der Beratungstermine an unseren 18 Standorten, ist die Geschäftsstelle in München eine zentrale Anlaufstelle, die auf Anfragen – telefonisch oder online – schnell und flexibel reagiert. So können wir auch aus der Ferne gut beraten.

Neben Fachleuten und Profis möchten wir gerne Bürgerinnen und Bürger noch intensiver für das Thema Barrierefreiheit gewinnen, z. B. mit öffentlichen Veranstaltungen, die wir in Kooperation mit den Kommunen durchführen. Gerade in ländlichen Räumen und in Gebieten mit besonders deutlicher Überalterung der Bevölkerung verzeichnen wir eine starke Nachfrage. Wir spüren: Die Menschen freuen sich, wenn wir sie vor Ort informieren, konkrete Möglichkeiten aufzeigen und lokale Ansprechpartner einbinden. 2016 haben wir bayernweit z. B. mehr als 70 Vorträge zum Thema Barrierefreiheit angeboten, die sehr gut besucht waren. Gerade in der Region ist es für uns wichtig, gut vernetzt zu sein, daher freuen wir uns über die guten Kontakte zu kommunalen Behindertenbeauftragten, lokalen Interessensvertretern und Wohnberatungsstellen, die für uns wichtige Multiplikatoren und Partner sind.

Aha!

Wer wendet sich an die Beratungsstelle Barrierefreiheit? 2017 zum Beispiel ...

  • 794 Privatpersonen, z. B. Menschen, die ihre Mietwohnung oder ihr Eigenheim barrierefrei gestalten wollten
  • 881 Fachleute aus Architektur, Handwerk und Ingenieurswesen
  • 917 Kommunen und öffentliche Einrichtungen

Als Körperschaft des öffentlichen Rechts beraten wir stets produkt- und herstellerneutral und frei von eigenen wirtschaftlichen Interessen – dies zeichnet uns als unabhängige Beratungsstelle aus. Unsere Beraterinnen und Berater aus Architektur und Sozialpädagogik erstellen für die Ratsuchenden weder vertiefende Planungen noch dürfen sie bestimmte Produkte oder Kammermitglieder empfehlen. Es geht in der Erstberatung vielmehr darum, die Situation zu analysieren und die nächsten machbaren Schritte für ein barrierefreies Umfeld zu besprechen. Die Lösungsansätze, die dann weiterverfolgt werden, können vielfältig sein und wer dann einen Architekten oder eine Architektin beauftragt, darf erwarten, dass dieser oder diese umfassend geschult und in der Lage ist, das Thema Barrierefreiheit nicht isoliert, sondern im Kontext der gesamten Planungsaufgabe zu betrachten.

Wir beraten unabhängig und stets produkt- und herstellerneutral.

Burg und Berggipfel – barrierefrei?

Denkmalschutz und  Barrierefreiheit stehen häufig in einem Spannungsverhältnis. Hier sind Kompromisse und innovative Lösungen gefragt.

Der öffentliche Verkehrs- und Freiraum ist ein großes Thema in der Beratung. Das ist eine Aufgabe, der wir uns schon von Anfang an widmen, doch nun steht sie mehr und mehr im Fokus. Eine der Fragen – und oft Gegenstand heftiger Debatten in Kommunen – ist: Wie weit muss und kann ein gewachsener Raum barrierefrei werden?

Denken Sie z. B. an eine jahrhundertealte Kirche, eine denkmalgeschützte Burg auf dem Gipfel eines Bergs oder an den Naturpark. Wir wollen für eine Balance sorgen zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und dem Erhalt der Naturlandschaft auf der einen Seite – und den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung, jungen Familien, die z. B. mit dem Kinderwagen unterwegs sind, und der immer größeren Gruppe der älteren Menschen, die Unterstützung im Alltag benötigen. Wir möchten es schaffen, möglichst vielen Menschen den Zugang und die Nutzung des öffentlichen Raums zu erleichtern bzw. überhaupt erst zu ermöglichen und dabei die Baukultur nicht aus den Augen verlieren. Das bedeutet: Es muss Kompromisse geben und die Bereitschaft zu innovativen Lösungen. Möglicherweise kann dies aber auch bedeuten, dass nicht jeder Burgturm erschlossen werden kann.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Bei historischen und denkmalgeschützten Gebäuden kann z. B. ein Anbau für barrierefreien Zugang sorgen. Das ist z. B. beim Franz-Marc-Museum am Kochelsee sehr gut gelungen oder beim historischen Rathaus von Wolframs-Eschenbach, das durch eine moderne Konstruktion aus Stahl und Glas ergänzt wurde.

Eine ganz andere und mittlerweile sehr anerkannte Lösung ist folgende: Man erschließt einen Teil, der das Gebäude oder das Gebiet beispielhaft erlebbar macht. Ein gelungenes Beispiel hierfür findet sich im Nationalpark Berchtesgaden. Dort gibt es gut geplante barrierefreie Wege, die mit dem Kinderwagen, mit dem Rollator oder Rollstuhl erreichbar und befahrbar sind. Plattformen und Stege bieten zusätzlich einen barrierefreien Einblick in Moorgebiete oder Auwälder, die keine tragfähigen Böden haben. So können sich alle Menschen einen Eindruck davon verschaffen, was dieses Naturgebiet, diese Bergwelt auszeichnet. Auch bei einigen Landesgartenschauen wurde dieses Prinzip angewendet, bei dem einzelne wesentliche – nicht alle – Naturräume erschlossen werden, sodass ein schöner Einblick für alle Besucher möglich wird.

Aha!

Die Beratungsstelle Barrierefreiheit bietet kostenlose Erstberatung

  • zu allen Fragen der Barrierefreiheit
  • zu den Schwerpunktthemen finanzielle Förderung und soziale Fragen, zur Stadt-, Verkehrs- und Freiraumplanung sowie zur digitalen Barrierefreiheit und zur Leichten Sprache

Dieses Prinzip funktioniert auch in alten Burgen oder Schlössern. Wenn man einige Räume barrierefrei erschließt, können die Besucherinnen und Besucher dort einen Eindruck gewinnen: Wie sehen die Räume aus? Wie wirken sie auf mich? Wie riechen sie? Oder wie ist die Akustik?

 Zugang zu einem historischen Gebäude mit Treppe und Rampe.

Auch in historischen Bauten muss der barrierefreie Zugang nicht unbedingt durch die Hintertür führen. Hier wurde die Rampe rechts neben der Treppe harmonisch eingefügt. Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen nutzen ihn ebenso wie Besucherinnen und Besucher, die unsicher zu Fuß sind oder nicht gut sehen; ihnen bietet der Handlauf zusätzliche Sicherheit.

Barrierefreies Baudenkmal: Eine lange, moderne Metallrampe erschließt eine Säulenhalle.

Kühn und cool: Barrierefreie Lösungen müssen sich dem historischen Umfeld nicht immer wie ein Chamäleon anpassen. Auch Kontraste können für ein attraktives Gesamtbild sorgen. Hier dockt eine moderne Rampe ans Baudenkmal an: Das Ensemble wirkt wie ein Kunstwerk.

Anlaufstelle für Arbeitgeber, Häuslebauer und Handwerk

Ob im Arbeitsumfeld oder im altehrwürdigen Wohngebäude: Barrierefreiheit beschäftigt immer mehr Unternehmen und Hauseigentümer, Architekturbüros und Handwerksbetriebe.

Arbeitgeber interessieren sich mehr und mehr für ein barrierefreies Arbeitsumfeld. Für die individuelle Arbeitsplatzgestaltung gelten dabei andere Vorgaben als für Arbeitsstätten im öffentlichen Bereich. Denken Sie z. B. auch an Theater und Museen, die Arbeitsort und öffentlichen Besucherverkehr vereinen. Auch die unterschiedlichen Bedürfnisse und Aufgaben der Beschäftigten, insbesondere auch der älteren Fachkräfte, haben Unternehmen dabei im Blick. Das ist weitsichtig, hier beraten wir gerne. Ich denke, Barrierefreiheit wird zunehmend als Teil einer Nachhaltigkeitsstrategie verstanden, die sich Unternehmen gerne positiv auf die Fahnen schreiben – neben Faktoren wie ökologischen und ökonomischen Aspekten muss Nachhaltigkeit auch im Sinne einer Generationengerechtigkeit definiert und verstanden werden.

Das Handwerk hat die Potenziale der Barrierefreiheit längst erkannt und das ist gut so. Manche Dinge, wie z.B. eine bodengleiche Dusche, sind ja erfreulicherweise bei Neubauten inzwischen zum Standard geworden. Maßnahmen im Bestand erfordern regelmäßig mehr Fingerspitzengefühl. Oft sind es die kleinen Dinge, die die Barrierefreiheit im eigenen Wohnumfeld deutlich verbessern können. Dafür braucht es Fachwissen und sorgsame Planungen, vor allem aber auch eine kompetente Ausführung. Daher ist es uns ein besonderes Anliegen, die Zusammenarbeit zwischen Architektur und Handwerk weiter zu stärken und auch die Kompetenzen bei den ausführenden Firmen zu fördern.

Die Beratungsstelle Barrierefreiheit versteht sich als zentrale Anlaufstelle, nicht nur für Kammermitglieder, sondern auch für Handwerksbetriebe. Als Kammer stehen wir in regelmäßigem und gutem Kontakt mit den Handwerkskammern, um gemeinsam noch besser zu werden. So wird aktuell darüber diskutiert, wie wir interdisziplinäre Fortbildungsveranstaltungen vertiefen können.

Es kommt wirklich darauf an, wie man mit einem älteren Gebäude umgeht. Wenn allein innerhalb einer Wohnung etwas verändert werden soll, dann stößt man möglicherweise schnell an Grenzen – etwa wenn die besagte bodengleiche Dusche im Altbau nachgerüstet werden soll. Das ist im Bestand nicht immer einfach zu lösen. Wer allerdings ein Gebäude umfassender sanieren kann, für den ist Barrierefreiheit u. U. leichter herstellbar. Der Einbau eines Aufzugs ist natürlich immer ein Kostenfaktor. Aber wenn man einen barrierefreien Zugang und barrierefreie Wohnungen im Erdgeschoss hinbekommt, dann ist man schon auch im Bestand im Bereich dessen, was die Bauordnung für den Neubau fordert.

Schwierig wird es oft bei Eigentümergemeinschaften. Zähe Auseinandersetzungen sind nicht selten an der Tagesordnung, wenn z. B. jemand im dritten Obergeschoss einen Aufzug braucht und auch der Eigentümer im Erdgeschoss sich daran finanziell beteiligen soll. Hier hilft vor Planung und Umsetzung oft nur eine Vermittlung zwischen den Parteien. Auch für diese mediativen Prozesse sind Architekten geschult und können die Beteiligten direkt unterstützen.

Ich würde es gerne schaffen, dass sich alle noch mehr Gedanken machen über das Wohnen der Zukunft: Die Frage, die sich jeder stellen sollte, lautet: Wie stelle ich mir persönlich das Wohnen im Alter vor? Was muss meine Wohnung leisten können?

Flexibleres Wohnen in der Stadt und auf dem Land

Wie wohnen wir? Wo wohnen wir? Und wie kommen wir von unserer Wohnung zur Arbeit und zum Supermarkt? Fest steht: Wir müssen beweglicher werden – und die Wege kürzer.

Wenn die Generation der Babyboomer tatsächlich souverän und autark bis ins hohe Alter zu Hause leben möchte, dann muss sicher gerade im Gebäudebestand noch einiges passieren. Zum Beispiel, dass Eigenheime flexibler umgebaut werden, dass Räume oder ganze Wohnungen zusammenschließbar sind und je nach Lebensphase auch wieder getrennt bzw. verkleinert werden können. Viele ältere Menschen bewohnen sehr viel Fläche. Sie leiden teilweise sogar darunter, wenn diese schlecht oder mühsam zu unterhalten ist. Kommunen haben aus meiner Sicht interessante Instrumente an der Hand, um hier gegenzusteuern. Es beginnt z. B. beim Bebauungsplan. Hier kann eine Kommune eine gezielte Nachverdichtung zulassen. Bei Bedarf könnte dann ein Einfamilienhaus in ein Gebäude mit zwei oder zweieinhalb Wohnungen geändert oder eine aufgelassene Hofstelle mit mehrgeschossigem Wohnen versehen werden.

Auch das genossenschaftliche Wohnen erlaubt viel Flexibilität und wird deshalb zunehmend attraktiv, auch im ländlichen Raum. Wer älter wird und vielleicht weniger Wohnfläche braucht, kann so innerhalb des Quartiers oder sogar eines Gebäudes umziehen, ohne sein soziales Umfeld zu verlieren. Und, etwas weiter gefasst, habe ich die Hoffnung, dass man durch attraktive ländliche Räume den Siedlungsdruck von urbanen Räumen nehmen kann.

Es ist nicht immer die bessere Lösung, einen langen Weg lückenlos barrierefrei zu gestalten, das gilt für urbane Räume genauso wie für den ländlichen Raum. Oft wäre es sehr viel nachhaltiger, die Wege zu verkürzen – also z. B. Läden und Gewerbe wieder in die Ortskerne und Zentren zurückzuholen. Das ist besonders für ältere Menschen wichtig. Man sollte die gewachsenen Ortskerne ertüchtigen und Handel und Gewerbe wieder dorthin bringen, wo die Menschen leben. Das ist wesentlich bequemer und identitätstiftender, als mit einem Rollator zu einem Supermarkt am Ortsrand gehen zu müssen.

Indem man z. B. die Ortskerne, die mit Leerständen zu kämpfen haben, saniert und reaktiviert. Das sind schwierigere Planungs- und Bauaufgaben, aber mit Blick auf die Zukunft lohnenswerte, nachhaltige Lösungsansätze. Eine Fehlentwicklung, der wir massiv begegnen möchten, ist der sog. „Donut-Effekt“, d. h. rund um die dünn gewordenen Ortskerne siedeln sich Wohngebiete, Gewerbe und Läden an und in der eigentlichen Ortsmitte passiert immer weniger. Um dies zu vermeiden, sind kreative Ideen und Umsetzungen gefragt. Denn sich mit einem lebendigen Ort zu identifizieren, das Gefühl des Gerne-zu-Hause-Seins, das schafft ganz viel, was auch mit Barrierefreiheit zu tun hat: erstens Autarkie für ältere Menschen und zweitens ein attraktives Wohnumfeld auch für die Jüngeren. Nur wenn sich generationenübergreifend wieder vitale Ortsgemeinschaften bilden, kann man sich gegenseitig helfen, bekommen ältere Menschen Unterstützung – und dann wird auch der Arbeitgeber wieder attraktiv, der sich wohnortnah im Ortskern ansiedelt.

In einer barrierefreien Umgebung mit kurzen Wegen steigt nicht nur die Lebensqualität der älteren Menschen – sondern die Chance, dass junge Menschen bleiben oder wieder dorthin zurückkehren.

Ein entsprechender Impuls muss aus der Bevölkerung kommen. Ein schönes Beispiel ist der Ort Thurnau in Oberfranken. Dort hat man ganz klar „Kante gezeigt“ gegenüber dem „Donut-Effekt“. Der Marktgemeinderat hat beschlossen, örtliche Nahversorger in einem bestimmten Bereich wieder ortskernnah unterzubringen. Das ist für die Gemeinde ein durchaus steiniger Weg gewesen, da Bauen im Bestand im Vergleich zur Bebauung einer „grünen Wiese“ am Ortsrand eine sehr viel größere Herausforderung für alle Beteiligten darstellt. Aber, man hat es durchgesetzt. Expertenwissen in Sachen nachhaltigen und zukunftsorientieren Wohnungs- und Städtebaus ist dann gefragt. An dieser Stelle können Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten und Innenarchitekten als Partner die Kommunen direkt unterstützen.

Statt „Donut“-Effekt: lebendige Ortskerne!

Natürlich klappt nicht alles auf Anhieb. Aber ich glaube, dass zukunftsfähige Barrierefreiheit vor allem dann eine Chance hat, wenn es gelingt, die Ortskerne zu reaktivieren. Allerdings nur auf Dorfläden zu setzen, das wäre naiv. Auf die Mischung kommt es an. Gewerbegebiete müssen so geplant werden, dass sie an der richtigen Stelle platziert sind und zugleich gut erreichbar sind. Arbeiten und Wohnen sollten wieder selbstverständlicher miteinander verbunden sein. Ein weiteres großes Thema: Wie sind Quartiere und Funktionen der Daseinsvorsorge strategisch angeordnet und – z. B. durch den öffentlichen Personennahverkehr – vernetzt. Es wird nicht möglich sein, in jedem Dorf Ärzte anzusiedeln. Deshalb sind gute interkommunale Verbindungen besonders wichtig.

Barrierefreiheit im öffentlichen Raum

In einem Innenraum: Schild mit Hinweis auf induktive Höranlage.

Um Gottes Wort zu hören, braucht man vermutlich kein Hörgerät. Damit alle Besucherinnen und Besucher auch Predigten und Musik gut verstehen, sind immer mehr Kirchen mit induktiven Höranlagen ausgestattet.

Taktiles Bodenleitsystem in einem historischen Bahnhofsgebäude.

Fällt Ihnen an diesem Bild etwas auf? Nein? Warum auch – das taktile Bodenleitsystem für blinde Menschen fügt sich gut ins Gesamtbild ein. „Taktil“ bedeutet tastbar. Hier sind es die weißen Pflastersteine, die man mit einem Langstock ertasten kann. Die gerillten bzw. genoppten Steine zeigen Routen, Abzweigungen und hier z. B. den Aufzug an. Wie sich blinde und sehbehinderte Menschen im öffentlichen Raum orientieren können, erfahren Sie aus erster Hand im Beitrag „Ein Tag im Leben von ... Irmgard Badura“.

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Beratungsstelle Barrierefreiheit: Infos kompakt

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  • eine Übersicht über die Themen und Angebote
  • Kurzporträts der Beraterinnen und Berater
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Beratungsstelle Barrierefreiheit: alle Infos

Tipp: Leitfäden zur DIN 18040

Die DIN-Norm 18040 enthält Planungsgrundlagen zum barrierefreien Bauen. Die Bayerische Architektenkammer hat zusammen mit dem Bayerischen Bauministerium und dem Bayerischen Sozialministerium zu den drei Teilen der Norm Leitfäden für Fachleute und Interessierte herausgegeben.

Leitfäden im Broschürenportal der Bayerischen Staatsregierung: