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Bayern barrierefrei

Literaturgenuss auf zwölf Uhr

Nürnberg, September 2019. Deutschland ist ein Zuhörland. In Buchhandlungen, Literaturhäusern und auf Festivals wird mehr gelauscht als gelesen. Vorher gut essen, danach das Gehörte (und Unerhörte!) bei einem Glas Wein besprechen: Eine Lesung ist nicht schnell mal wegkonsumiert, sondern ein Erlebnis mit gehaltvollem Nachklang. Im Nürnberger Literaturhaus samt Restaurant können sich diesem Genuss auch Menschen mit Sehbehinderung und Gäste im Rollstuhl hingeben. Haus und Geist sind wegweisend barrierefrei und offen für alle(s) – auch für fruchtbare Kooperationen, z. B. mit der Bayerischen Hörbücherei. Bislang zweimal pro Jahr veranstalten Literaturhaus und Hörbücherei gemeinsam Lesungen. Wir haben eine besucht und viel über barrierefreies Genießen gelernt!

Lesung im Literaturhaus Nürnberg.

Unsere Gesprächspartnerinnen und -partner

Porträtfoto: Elisabeth Zeitler-Boos.

Elisabeth Zeitler-Boos ist Vorsitzende des Literaturclub Nürnberg e. V. und stellvertretende Vorsitzende des Literaturhaus Nürnberg e. V.

Porträtfoto: Ruth Tiedge-Eicher.

Ruth Tiedge-Eicher ist Geschäftsführerin der Bayerischen Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte e. V.

Porträtfoto: Bernhard Rings.

Bernd Rings, gelernter Koch und Konditor, ist Küchenchef im Literaturhaus Nürnberg.

Veranstaltungsfoto: Wolfgang Hartmann und Martin Pfisterer lesen auf einer Bühne.

Wolfgang Hartmann und Martin Pfisterer, Sprecher der Bayerischen Hörbücherei, treten mit Leseprojekten u. a. im Literaturhaus Nürnberg auf.

Über das Literaturhaus Nürnberg

Das Literaturhaus Nürnberg liegt mitten in der Innenstadt, direkt gegenüber dem Neuen Museum. Ende der 1950er-Jahre war das Gebäude als Spielwarenhaus errichtet worden; viele alteingesessene Nürnbergerinnen und Nürnberger drückten sich als Kinder ihre Nasen an den Schaufenstern mit den fantasievoll gestalteten Auslagen platt. Der langjährigen Betreiberin war es beim Verkauf des Hauses an einen Nürnberger Unternehmer wichtig, die Räume mit kulturellem Leben zu erfüllen. Überzeugt hat sie das Konzept des Literaturhaus Nürnberg e. V., einer privaten Initiative, die ganz ohne öffentliche Fördergelder wirtschaftet und rein ehrenamtlich im Einsatz ist. Der Anspruch jedoch ist hoch professionell. Nach aufwendiger Renovierung eröffnete der Verein im Dezember 2003 das Literaturhaus Nürnberg mit barrierefreiem Café-Restaurant. Seither lesen hier renommierte Autorinnen und Autoren wie Louis Begley, Abbas Khider und Martin Walser – zur Freude eines großen Publikums aus ganz Mittelfranken. Die Gäste verbindet die Liebe zur Literatur, die Freude an der Vielfalt – und am barrierefreien Miteinander.

Wahrgenommen, wertgeschätzt

Es ist Abend in Nürnberg. Im Literaturhaus füllt sich das Café-Restaurant; eine szenische Lesung steht auf dem Programm, Co-Gastgeber ist heute die Bayerische Hörbücherei. Der Saal, mit Bücherregalen, roten Lederbänken, klassischen Holzstühlen, Wandspiegeln und Leuchtern im Louis-Seize-Stil, verströmt die Behaglichkeit klassischer Kaffeehäuser und Literatursalons. Warmes Raumlicht lässt die Messinggeländer schimmern.

„Die zentrale Lage war den Gründern ganz wichtig und steht für unser Selbstverständnis, mitten drin im Leben und bequem erreichbar zu sein“, sagt Elisabeth Zeitler-Boos vom Literaturhaus. „Barrierefrei bedeutet für uns, dass jeder kommen kann. Wir denken im Literaturhaus nicht nur an Menschen mit Sehbehinderung, Rollator oder Rollstuhl, sondern auch an Mütter mit Kinderwagen oder jemanden, der sich das Bein gebrochen hat.“

 

Nahaufnahme: Bücher auf einem Holzbord mit Messing-Reling.

Das Ambiente im Literaturhaus Nürnberg ist behaglich-entspannt. Rote Lederbänke laden zum Verweilen ein.

Bequem erreichbar: Das gilt nicht nur fürs Gebäude, sondern auch für seine Räume und vielfältigen Angebote. Der Zugang ist in jeder Hinsicht schwellenlos. „Wenn wir reinkommen“, schildert ein blinder Besucher, „müssen wir nicht erst auf uns aufmerksam machen, sondern werden sofort wahrgenommen. Natürlich können wir als blinde Menschen auch selbst auf uns aufmerksam machen, aber so fühlen wir uns einfach wohler.“

Barrierefrei bedeutet für uns, dass jeder kommen kann. Wir denken im Literaturhaus nicht nur an Menschen mit Sehbehinderung, Rollator oder Rollstuhl, sondern auch an Mütter mit Kinderwagen oder jemanden, der sich das Bein gebrochen hat.

Hier wird kein Unterschied gemacht

Diese Haltung erleben auch die Menschen, die heute Abend im Rollstuhl gekommen sind. „Es fängt beim barrierefreien Zugang an. Auch barrierefreie Sanitärräume sind hier selbstverständlich – woanders leider nicht! Aber vor allem ist es der herzliche Umgang mit allen Menschen“, findet ein Gast. „Hier wird kein Unterschied gemacht. Wir fühlen uns immer willkommen.“ Sein junger Tischnachbar ergänzt: „Die Menschen hier sind alle freundlich. Ich komme gerne hierher – auch wenn keine Lesungen sind. Denn anderswo mag man Rollstuhlfahrer nicht immer. Hier ist das ganz anders.“ Für das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung wurde das Literaturhaus Nürnberg mit dem Signet „Bayern barrierefrei“ ausgezeichnet.

Hier wird kein Unterschied gemacht. Wir fühlen uns immer willkommen.

Lust auf Vielfalt

Das Café-Restaurant füllt sich allmählich für die Lesung. Elisabeth Zeitler-Boos und ihre Kolleginnen begrüßen Stammgäste und neue Gesichter, beantworten Fragen, begleiten ältere Menschen zu freien Tischen und lotsen einen Besucher in einem großen Elektro-Rollstuhl an seinen Platz.

Eine Frau sitzt mit Buch und Weinglas an einem Bistrotisch.

Ob klein oder groß, jung oder alt: Wer Lesungen und/oder Gaumenfreuden mag, ist im Literaturhaus Nürnberg willkommen.

Wie immer an Lesungsabenden gibt es eine besondere Speisekarte, genüsslich abgestimmt aufs literarische Thema. Als der Schriftsteller Uwe Timm in Nürnberg las, ließ sich Literaturhaus-Küchenchef Bernd Rings von dessen Roman „Die Erfindung der Currywurst“ inspirieren. Er interpretierte das Imbissgericht neu und kühn – mit Lachs! „Ein bisschen ins Grübeln kam ich schon: Ob das jemand bestellt? Aber meine Bedenken waren völlig umsonst; die Nachfrage war viel, viel größer als mein Vorrat.“ Ein aufgeschlossenes, neugieriges Publikum trifft sich im Literaturhaus, das Vielfalt schätzt und sich vergnügt auf Experimente einlässt. Heute erwartet die Besucherinnen und Besucher „Der Briefwechsel“ von Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld, ein Wortgefecht auf Augenhöhe. Auf der Speisekarte stehen, passend zu Bernhards Hassliebe-Heimat Österreich, Wiener Schnitzelchen und Kaiserschmarrn.

Hübsch angerichtet sind die Gerichte auf den Tellern. Doch wenn ein Gast nicht gut schlucken kann, dann zählt das Sein und nicht der schöne Schein. Auf Wunsch werden Gerichte püriert, so Bernd Rings.

 

Manchmal bedeutet Barrierefreiheit: ausprobieren – und einfach machen

Überhaupt sorgen viele Details für den barrierefreien Genuss. Früher las das Servicepersonal Gästen mit Sehbehinderung die Speisekarte vor. „Aber das hat bei unserer umfangreichen Auswahl einfach zu lange gedauert und nicht so gut funktioniert“, erinnert sich Bernd Rings. „Wir haben sofort gehandelt und unsere Speisekarten in Blindenschrift stanzen lassen, sowohl in Kurz- als auch in Langschrift. Eine Speisekarte mit großer Schrift haben wir selbstverständlich auch. Die drucken wir immer selbst.“

Blick aus der Vogelperspektive auf einen Bistrotisch: eine Servicekraft stellt einen Teller ab.

Das Serviceteam im Literaturhaus begegnet seinen Gästen aufmerksam, man spürt: Hier ist Barrierefreiheit gelebte Praxis. Ein Besucher sitzt im Rollstuhl? Schnell wird ein Stuhl weggerückt. Ein Gast ist sehbehindert? Schon ist die Speisekarte in Großschrift zur Hand. Im Literatursalon im ersten Stock des Hauses finden private Feiern und Tagungen statt. Regelmäßig treffen sich hier auch Organisationen von Menschen mit Behinderung. Und seit Bernhard Rings 2009 das Café-Restaurant übernahm, hat er zwölf Menschen mit Lernbeeinträchtigung ausgebildet. Ihren Abschluss haben alle bestanden.

Wenn eine Servicekraft einen blinden oder sehbehinderten Gast bedient, macht sie zunächst dezent auf sich aufmerksam. „Ich bin jetzt da“, meldet sie sich. Und beschreibt dann genau, was für den Gast wichtig ist. „Ich stelle jetzt Ihr Glas hin.“ Oder: „Das Fleisch liegt auf 6 Uhr.“ Das bedeutet: Das Fleisch liegt auf dem Teller dort, wo sich auf einer Uhr die 6 befindet. Die Küche arbeitet streng nach Regel, das Gemüse ist immer links vom Fleisch angerichtet – also auf 9 Uhr – und die Beilage rechts, auf 3 Uhr. Mit Uhrzeitangaben wie diesen können sich sehbehinderte Menschen gut orientieren, nicht nur bei Tisch, sondern auch im Raum. Sagt man: „Die Bühne ist auf 12 Uhr“, dann weiß der Literaturfreund, dass er genau ausgerichtet zur Bühne sitzt.

Ohrenschmaus auf Bayern-Tour

Genauso wie Familien mit kleinen Kindern und ältere Menschen schätzen auch Gäste mit Behinderung die Barrierefreiheit im Literaturhaus. Perfekt ins Konzept passt also die Kooperation des Literaturhauses mit der Bayerischen Hörbücherei. Die weist auf ihrer Website auf barrierefreie Kulturveranstaltungen in ganz Bayern hin – Lesungen genauso wie z. B. Theateraufführungen mit Audiodeskription. Seit 2017 arbeiten Hörbücherei und Literaturhaus zusammen, zwei Veranstaltungen pro Jahr organisieren sie gemeinsam.

Aha!

Die Bayerische Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte e. V., kurz: Bayerische Hörbücherei, versorgt blinde und sehbehinderte Menschen mit Daisy-Hörbüchern. Auf der Website der Hörbücherei kann man die gewünschten Titel auf CD nach Hause bestellen oder direkt herunterladen. Die Auswahl, vom Krimi bis zum Klassiker der Weltliteratur, umfasst mehr als 40.000 Titel; die Ausleihe und der Versand sind kostenfrei. Wer die Bayerische Hörbücherei nutzen möchte, muss nur einen Nachweis seiner Sehbehinderung vorlegen (z. B. ärztliches Attest, Blindengeldbescheid oder Schwerbehindertenausweis).

Seit 2014 geht die Bayerische Hörbücherei mit Leseveranstaltungen auf Tour, Stationen sind neben Nürnberg auch Würzburg, Augsburg, Lindau, Kempten, Pegnitz und München. „Auf unserer Tour erreichen wir ein breiteres Publikum als auf unseren hausinternen Veranstaltungen. Deshalb sind Kooperationen wie die mit dem Literaturhaus Nürnberg eine wertvolle Bereicherung für uns“, erklärt Ruth Tiedge-Eicher von der Bayerischen Hörbücherei. „Es ist oft aber nicht leicht, eine Location zu finden, da viele sich unter einer Hörbücherei für Blinde, Seh- und Lesebeeinträchtigte nichts vorstellen können. Selbst nach einem persönlichen Gespräch nicht. Das ist sehr schade. Denn wir bekommen nicht selten eine Absage. Hier gilt es immer noch Barrieren abzubauen.“

Bildergalerie: barrierefrei genießen

Zwei Sprecher auf einer Lesebühne.

Wolfgang Hartmann (links) leitet die Studios der Bayerischen Hörbücherei, Martin Pfisterer spricht dort Hörbücher ein. Gemeinsam entwickeln sie Sprechprojekte, mit denen sie u. a. im Literaturhaus Nürnberg gastieren.

Ein Sprecher auf einer Lesebühne unterstreicht seinen Text mit Gesten.

Eine gute Lesung ist viel mehr als vorgelesener Text. Martin Pfisterer ist ausgebildeter Schauspieler; auch als Sprecher verkörpert er die Figuren und schlüpft in verschiedene Rollen. Profisprecher wie Martin Pfisterer und Wolfgang Hartmann machen Texte zum sinn(en)reichen Erlebnis.  

Nahaufnahme: Ein Mann sitzt auf einem Stuhl; an seiner Tasche hängt das Blindenabzeichen.

Für viele blinde und sehbehinderte Menschen sind Lesungen ein attraktives Kulturangebot. Im Nürnberger Literaturhaus stimmen auch die Rahmenbedingungen. Viele durchdachte Details sorgen hier dafür, dass alle Gäste barrierefrei genießen können – die Literatur genauso wie das kulinarische Angebot.

Porträtfoto: Küchenchef Bernhard Rings in der Restaurantküche.

Küchenchef Bernd Rings und sein Team möchten, dass sich im Café-Restaurant des Literaturhauses alle Gäste willkommen fühlen. Barrierefreiheit erschöpft sich nicht in baulichen und technischen Maßnahmen, sondern ist allem voran eine Frage der Haltung. Und die ist im gesamten Literaturhaus: aufmerksam und wertschätzend.

Nahaufnahme: Speisekarte in Großschrift.

Bestellen leicht gemacht: Im Café-Restaurant des Literaturhauses gibt es die Speisekarte auch in Großschrift. So können ältere Gäste und Menschen mit Sehbehinderung ohne fremde Hilfe im Menü schmökern und ganz in Ruhe ihre Wahl treffen.

Nahaufnahme: eine Speisekarte in Punktschrift.

Für blinde Gäste hält das Café-Restaurant im Literaturhaus die Speisekarte in Braille-Schrift bereit. Um sich ohne Worte zu verständigen, haben einige Servicekräfte mit schwer hörgeschädigten Stammgästen eine eigene Zeichensprache für die Getränkebestellung entwickelt.

Blick aus der Vogelperspektive auf einen Bistrotisch: Ein Kellner serviert ein Hauptgericht und ein Getränk.

Für blinde Menschen sind klare Ansagen wichtig. Wenn die Servicekraft sagt: „Die Forelle liegt auf 6 Uhr und der Lachs zwischen 9 und 12 Uhr“, dann wissen sie genau, wie ihr Essen auf dem Teller angerichtet ist und finden sich gut allein zurecht.

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