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Bayern barrierefrei

Barrierefrei baden gehen!

Treuchtlingen, Juli 2016. Wasser hat keine Balken. Der Zugang dorthin schon. Wir nennen sie bloß nicht Balken, sondern Barrieren: Stufen, Treppen, weite Wege, schwere Türen, enge Badekabinen. Für Menschen mit Behinderung, ältere Badegäste oder Familien mit kleinen Kindern bleibt der Badespaß vor lauter Umwegen oft auf der Strecke. Die Altmühltherme Treuchtlingen wird bis Ende 2018 umgestaltet. Raus mit den Barrieren, rein mit dem Komfort: Wellness für alle, lautet das Motto. Wir durften schon mal in die Pläne gucken.

Blick in eine Schwimmhalle.

Über Ulrich Schumann

Porträtfoto: Ulrich Schumann.

Ulrich Schumann leitet seit Anfang 2015 die Altmühltherme Treuchtlingen. Die Anlage wird bis 2018 in mehreren Abschnitten umgebaut und u. a. barrierefrei gestaltet. Mit dem Abbau von Barrieren hat Ulrich Schumann schon aus früheren Projekten Erfahrung.

Meine Meinung

„Wir wollen Menschen mit Behinderung nicht mehr in Behindertenkabinen und Therapiebecken absondern. Unser Umbauziel: mehr Komfort für alle – gemeinsam.“

Mehr Komfort und Badespaß für alle

Wo in den 70er-Jahren gerade mal ein Hallenwellenbad stand, erstreckt sich heute die riesige Anlage der Altmühltherme Treuchtlingen in alle Richtungen. Vier Jahrzehnte lang wuchs der Betrieb; heute umspannt er u. a. ein Thermal- und Heilbad, eine Saunalandschaft, Sportbecken, Riesenrutschen, ein Freibad und eines der größten Gesundheits- und Therapiezentren der Region. Jedes Jahr besuchen rund 360.000 Gäste die Therme; 80.000 von ihnen lassen sich als Patientinnen und Patienten im Therapiezentrum behandeln. Die Prognose geht von einem Zuwachs auf 420.000 Gäste aus.

Aha!

Seit 2013 arbeiten die Stadt Treuchtlingen und die Rummelsberger Diakonie e. V. daran, in der Stadt Barrieren abzubauen. Ziel: eine „Stadt ohne Hindernisse“. Der Seniorenbeirat unterstützt das Projekt u. a. mit Praxistests. Im Blickpunkt stehen auch barrierefreie touristische Angebote. Das Gesundheitszentrum Altmühlvital in der Altmühltherme ist bereits zertifiziert.

Mehr Infos: Barrierefreiheit in Treuchtlingen

Barrierefreiheit für alle Menschen. Und für die Schwimmtier-Herde.

Baulich ist die Altmühltherme auf dem Stand der 70er Jahre. Der Zahn der Zeit hat dem Gebäude genauso zugesetzt wie das für Bäder typische, dauerfeuchte Klima. Von 2016 bis 2018 wird die Anlage in mehreren Bauabschnitten saniert. V. a. Betonteile und technische Anlagen müssen erneuert werden. Außerdem sollen die nach und nach angefügten Bereiche sinnvoll zueinander gegliedert und barrierefrei gestaltet werden. „Dabei denken wir durchgehend inklusiv“, schildert Thermenleiter Ulrich Schumann. „Das heißt, wir gestalten keine Bereiche nur für Menschen mit Behinderung, sondern alles für alle.“

Besonders ältere Menschen genießen das 32 bis 36 Grad warme Heilwasser, das Beschwerden z. B. an Gelenken und Wirbelsäule lindern kann. Ihnen soll die Neugestaltung genauso dienen wie Reha-Patientinnen und -Patienten, die nach der Therapiestunde noch eine Runde im Freibad schwimmen. Und auch Familien sind gern gesehene Badegäste. Sie sollen künftig mit Kindern, Buggy und Schwimmtier-Herde nicht nur im Wasserspielgarten, sondern auch in den Umkleidekabinen entspannt Platz finden.

Universelles Design: Schluss mit „Extralösungen“

Das Prinzip „Alles für alle“ nennt man auch: Universelles Design. Ulrich Schumann erklärt es an einem Beispiel: „Wir haben zurzeit zwei Sammelumkleiden für Menschen mit Behinderung, eine für Damen und eine für Herren. Braucht eine Rollstuhlfahrerin beim Umziehen ihren Mann als Assistenten, darf der eigentlich gar nicht in die Damenumkleide – umgekehrt natürlich genauso. Andererseits werden die Sammelumkleiden selten genutzt; im Schnitt besuchen jeden Tag nur zwei Menschen mit Rollstuhl die Therme.“ Die Zukunft heißt: keine Extralösungen für einzelne Zielgruppen, sondern Angebote, die allen dienen. „Künftig haben wir größere Einzelumkleiden, die alle Gäste nutzen können. Sie sind so groß, dass Menschen mit Behinderung eine Begleitperson mit hineinnehmen können, Familien sich nicht auf die Füße treten und ältere Menschen sich bequem umziehen können.“

Die Grenze zwischen „Patient“ und „Gast“ löst sich in heiterem Geplätscher auf.

Universelles Design ist nicht nur praktisch, sondern auch schön. Das zeigen schon im Planungsstadium die Illustrationen von Wolfgang Gollwitzer. Der Architekt hat das Gestaltungskonzept in Zusammenarbeit mit Kornelia Grundmann entwickelt. Die Sachverständige für barrierefreies Bauen kennt die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung auch aus eigenem Erleben; Grundmann nutzt wegen einer MS-Erkrankung einen Rollstuhl. Ein zweckmäßiges „Therapiebecken“ wird in der Planung zum lichten, einladenden „Kursbecken“; Therapieeinheiten finden hier nach der Umgestaltung abwechselnd mit Fitnesskursen statt. Menschen mit und ohne Behinderung, junge und ältere Menschen begegnen einander, die Grenze zwischen „Patient“ und „Gast“ löst sich in heiterem Geplätscher auf.

Planungsbroschüre mit Fotos und Illustrationen.

Vorher: ein zweckmäßiges Therapiebecken (oben). Nachher: elegante Wellness für alle (unten). Betriebsleiter Ulrich Schumann zeigt Bilder aus der Planungsbroschüre für die Treuchtlinger Altmühltherme.

Planungsbroschüre mit Farbwelten.

Hell-Dunkel-Kontraste sollen künftig die gesamte Anlage prägen. Das sieht sehr edel aus – und hilft Menschen mit Sehbehinderung, sich im Raum zurechtzufinden.

Barrierefreie Gestaltung: ein echter Hingucker

Klinikatmosphäre raus, Wohlfühlambiente rein: Das gilt auch für die Toilettenanlagen. Und auch hier spielen die DIN-Normen zur Barrierefreiheit dem Architekten in die Hände. Taucht man ein Bad oder eine Toilette ganz in Weiß oder Pastelltöne, finden sich Menschen mit Sehbehinderung kaum zurecht. Deshalb sind Kontraste angesagt: ein Zusammenspiel aus hellen und dunklen Farben, die z. B. das Toilettenbecken eindeutig von Boden und Wand absetzen.
Auch der Einsatz unterschiedlicher Materialien – z. B. matte und glänzende – können helfen. Die Spielwiese für Gestalter ist eröffnet! Und das Auge findet nicht nur Halt, sondern Wohlgefallen am hochwertigen, zeitlosen Design. „Hochwertig und kontrastreich – dieses Konzept wird sich durchs ganze Haus ziehen“, freut sich Ulrich Schumann. Kaum sichtbar, aber dafür deutlich spürbar tragen auch Details wie die Montagehöhe von Toilettenbecken zur Barrierefreiheit bei. Alle Toiletten der Altmühltherme werden künftig so hoch montiert, dass z. B. ältere Menschen sich bequem setzen und aufstehen können.

Kompromisse sind gut – wenn man sie gemeinsam entwickelt

„Wir mussten in keinem Bereich mehr Geld in die Hand nehmen, um Barrierefreiheit zu realisieren.“ Eine klare Aussage von Thermenchef Schumann, die Bauherren Mut machen sollte. Natürlich: „Im Bestand ist es unmöglich, alle Ideale zu erfüllen“, schränkt Architekt Wolfgang Gollwitzer ein. Vor Ort, in der Therme, werde deshalb mit Vertreterinnen und Vertretern von Behindertenverbänden sowie des Landratsamtes diskutiert. Was ist ein Muss – und wo können alle Beteiligten mit einem Kompromiss leben? Ein solcher Kompromiss wurde bei den Türen gefunden. „An Stelle von elektrischen Türen, die sich langsam öffnen, wird es normale Türen geben, für die wir aber mehr Platz einplanen.“ Der Platz ist wichtig für Menschen, die im Rollstuhl, mit Rollator oder mit einem Kinderwagen unterwegs sind, und beim Türöffnen rangieren müssen.

Wir mussten in keinem Bereich mehr Geld in die Hand nehmen, um Barrierefreiheit zu realisieren.

Oder das Thema Induktionsschleifen. Induktive Höranlagen senden Sprache störungsfrei auf Hörgeräte und filtern Schall und Umgebungsgeräusche heraus. Induktionsschleifen werden immer öfter z. B. an Infoschaltern, in Vortragssälen und auch in Kirchen verlegt. Auch an der Kasse von Bädern sind sie sehr nützlich. Aber im Schwimmbad? Die wenigsten Hörgeräte sind wasserfest; hörgeschädigte Menschen nehmen ihre Hörgeräte meist in der Umkleidekabine heraus und verstauen sie sicher. Im Badebereich werden deshalb keine Induktionsschleifen verlegt. „Gefahrensituationen können wir sowieso besser lösen durch gut geschultes Personal in allen Bereichen.“

Klares Leitsystem und Infos in einfacher Sprache

Ein klares Leitsystem und Infos in einfacher Sprache sollen künftig alle Besucherinnen und Besucher ohne Umwege ans Ziel lotsen. Wer möchte schon, tropfnass im Badezeug und ohne Brille, mühsam Hinweise entziffern? Besonders hilft klare Kommunikation Menschen mit Lernschwierigkeiten und Badegästen, die nicht (gut) Deutsch sprechen. Auch hier zeigt sich wieder der universelle Gedanke. Gute barrierefreie Lösungen fallen nicht als „Hilfsmittel“ auf. Ja, sie fallen gar nicht auf. Sie sind einfach nützlich.

Bildergalerie: in Zukunft miteinander

Kassenbereich mit Infoschild.

„Heute Fotoshooting“: Das Redaktionsteam von „Bayern barrierefrei“ ist zu Gast in der Altmühltherme Treuchtlingen.

Mitarbeiterin stellt Rollstuhl bereit.

Für Therapie- und Badegäste, die nicht gut zu Fuß sind, bietet die Therme Leihrollstühle. Thermen-Mitarbeiterin Claudia Schäfer stellt den Service beim Rundgang durch die Therme vor.

Umkleideraum mit mehreren Spinden und Pflegeliege.

„Behinderten-Umkleiden“ wird es dann nicht mehr geben. Stattdessen sind große Einzelkabinen für alle geplant, die mehr Platz brauchen. Badegäste im Rollstuhl und/oder mit Begleitperson sollen sie genauso nutzen können wie Familien mit kleinen Kindern.

Blick in barrierefreien Duschraum.

Noch sind die Umkleiden und Duschen für Menschen mit Behinderung streng weiß gestaltet …

Blick in Sanitärräume mit starken Farbkontrasten.

Nach dem Umbau werden Hell-Dunkel-Kontraste im Sanitärbereich – wie im gesamten Haus – für gute Orientierung und Wohlgefühl sorgen.

Sprudelbecken mit Lifter.

Ein Thermalbad kann manche Beschwerden lindern. Und die Seele baumelt ganz wunderbar im mineralreichen Thermalwasser. Beim Abtauchen ins Sprudelbecken hilft ein Lifter. Damit niemand über Badeschlappen stolpert, steht ein Schuhregal parat.

Blick von oben: Schwimmbecken mit Lifter.

Der Blick aus der Vogelperspektive zeigt den Lifter mit den breiten Armlehnen. Sie stützen und geben Sicherheit.

Zwei Männer betrachten eine Planungsbroschüre.

In zwei Abschnitten wird die Altmühltherme von Ende 2016 bis 2018 renoviert. Thermenchef Ulrich Schumann (rechts) und Architekt Wolfgang Gollwitzer wollen die über Jahrzehnte gewachsene Anlage zu einer Einheit zusammenführen. Durch geschickte neue Raumaufteilung gewinnt die Therme 600 Quadratmeter Nutzfläche für den Gesundheitsbereich. Damit bereitet sich die Altmühltherme auch auf den demografischen Wandel vor. Mit der Zahl älterer Menschen steigt der Bedarf an Angeboten, die Menschen fit halten (Prävention) bzw. ihre Gesundheit wieder herstellen – und so Pflegebedürftigkeit oder Frühverrentung vorbeugen (Rehabilitation).

Porträtfoto: Ulrich Schumann.

Dass eine barrierefreie Gestaltung im Neubau kaum mehr kostet, spricht sich allmählich herum. Doch sogar der Umbau in einer bestehenden Anlage kann ohne Mehraufwand gelingen: „Wir mussten in keinem Bereich mehr Geld in die Hand nehmen, um Barrierefreiheit zu realisieren“, versichert Ulrich Schumann.

Regalbrett mit Deko-Figuren.

In seinem Büro hat Thermenleiter Ulrich Schumann einige wohlig beleibte Badegäste versammelt. Ob sie erwartungsfroh dem Barrierefrei-Umbau entgegenblicken? Fakt ist: Barrierefreiheit unterstützt auch schwergewichtige Menschen – z. B. mit mehr Platz in Umkleidekabinen und bequemen Einstiegen in die Schwimmbecken.

Porträtfoto: Wolfgang Gollwitzer.

„Eine gute barrierefreie Gestaltung fällt nicht auf“, erklärt Architekt Wolfgang Gollwitzer. „Es gibt keine getrennten Bereiche – z. B. für Menschen mit Behinderung – mehr.“ Eine barrierefreie Zukunft bedeutet: viel mehr entspanntes Miteinander – und mehr Komfort für alle.

Glossar

Induktive Höranlage

Eine technische Lösung, um Sprache, Musik oder Geräusche drahtlos auf Hörgeräte und Cochlea-Implantate zu übertragen. Eingesetzt wird das Verfahren z. B. in Schule und Studium, bei Veranstaltungen, Gottesdiensten oder Theateraufführungen. Die Anlage besteht aus einem Mikrofon (oder einer anderen Signalquelle), einem Verstärker und einer Induktionsschleife. Der Vorteil: Umgebungs- und Echogeräusche werden ausgeblendet, Töne kommen in klarer Qualität beim Empfänger an.