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Bayern barrierefrei

Holger Kiesel, Bayerns Behindertenbeauftragter

München, Oktober 2020. Holger Kiesel will Steine ins Rollen bringen. Als Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung berät er die Staatsregierung, vermittelt zwischen Politik und Betroffenen, informiert die Öffentlichkeit und macht Mut, immer wieder Neues zu erproben und Grenzen auszutesten. Hier erfahren Sie mehr über Kiesels Top-Themen Schule, Arbeit, Wohnen und politische Teilhabe, seine Wünsche (auch an Sie, liebe Leserin, lieber Leser!) und seine ungewöhnliche Schullaufbahn.

Porträtfoto: Holger Kiesel.

Über Holger Kiesel

Porträtfoto: Holger Kiesel.

Holger Kiesel (geb. 1974) studierte Germanistik, Geschichte und Politik. Nach seiner Hörfunkausbildung arbeitete er als fest-freier Journalist für den Bayerischen Rundfunk. Seit Anfang 2019 ist Holger Kiesel der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Holger Kiesel hat eine spastische Lähmung und nutzt einen Rollstuhl.

Meine Meinung

„Wenn alle wesentlichen Informationen alle Menschen erreichen, dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter.“

Was macht ein Behindertenbeauftragter?

Der Bayerische Behindertenbeauftragte berät die Staatsregierung in allen Fragen, die Menschen mit Behinderung, also etwa Inklusion und Barrierefreiheit betreffen, und prüft zum Beispiel Gesetzentwürfe. Mit kommunalen Behindertenbeauftragten, Verbänden und der Selbsthilfe tauscht er sich regelmäßig aus. Er informiert die Menschen in Bayern über Themen der Behindertenpolitik und lädt zu Fachveranstaltungen ein.

Holger Kiesel: Vermittler und Netzwerker

Holger Kiesel sieht sich als Mittler zwischen Menschen mit Behinderung und der Staatsregierung. Die Themen Inklusion und Barrierefreiheit begleiten ihn schon sein Leben lang, privat wie beruflich. Als Behindertenbeauftragter schöpft er nun aus seinen Erfahrungen. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht einfach teilhaben kann, in der Schule, in der Freizeit oder im Beruf, sondern immer wieder auf Barrieren stößt. Als Journalist hat er gelernt, weit über den Tellerrand der eigenen Behinderung zu schauen. Er ist ein Netzwerker, weiß, wie man Aufmerksamkeit weckt und kann Kompliziertes in klare Worte fassen. Deshalb freut sich Kiesel, dass die ehemalige Staatssekretärin Carolina Trautner auch als Sozialministerin den Kabinettsausschuss „Bayern barrierefrei“ fortführt – und dort die barrierefreie Kommunikation mit einer eigenen Arbeitsgruppe voranbringt.

„Ich möchte uns Menschen mit Behinderung und unseren Themen mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Meine größte Sorge ist immer, dass das ein Nischenthema bleibt: ein Anliegen von einigen wenigen Leuten. Aber von Inklusion und Barrierefreiheit profitieren alle. Zum Beispiel, weil die Menschen alle älter werden. Und auch für jüngere Menschen ist es ein Mehrwert, wenn sie so früh wie möglich der Vielfalt in unserer Gesellschaft begegnen.“

 

Top-Themen: Schule, Arbeit, Wohnen und politische Teilhabe

Als Behindertenbeauftragter ist Holger Kiesel für alle Themen zuständig, die Menschen mit Behinderung betreffen. Die Bereiche Schule, Arbeit, Wohnen und politische Teilhabe sieht er als besonders drängend an; hier setzt er deshalb besondere Schwerpunkte.

Schule: Inklusion als Lernerfolg für alle

Holger Kiesel zeigt sich überzeugt: Wenn Inklusion in den Schulen gelingt, dann prägt sie alle Beteiligten ein Leben lang positiv, macht feinfühlig für das Thema Barrierefreiheit, öffnet die Augen für die Bedürfnisse und die Stärken von Menschen mit Behinderung. „Damit Inklusion in der Schule gelingen kann, müssen die Rahmenbedingungen noch stärker angepasst werden“, fordert er. „Die Klassen müssten deutlich kleiner werden, die personelle Ausstattung verbessert – mein absolutes Traumziel wären zwei Lehrkräfte in jeder Klasse. Der klassische Frontalunterricht ist für die allerwenigsten Schülerinnen und Schüler die ideale Unterrichtsform. Und die Digitalisierung kann eine große Chance sein, gerade für uns Menschen mit Behinderung. Aber ohne barrierefreie Hard- und Software kann sie auch das größte Ausschlusskriterium sein.“

Vor allem aber brauche Inklusion Mut, findet der Behindertenbeauftragte. „Inklusion funktioniert da am besten, wo man sich traut, sich eine möglichst flexible Struktur zu geben: die einen Rahmen bietet, wo man ihn braucht – die aber niemanden am Vorwärtskommen hindert. Was aber auch heißt, dass der einzelne Mensch sehr flexibel sein muss. Am Anfang gibt es immer Skepsis und Zweifel, Eltern, die befürchten, ihre Kinder werden unterfordert oder überfordert. Aber wenn dann das Modell ins Laufen kommt, dann sagen die Leute: Okay, das geht ja doch! Ich glaube, Schule funktioniert am besten dann, wenn man versucht, von den althergebrachten Ansätzen ein Stück wegzugehen. Da hilft es auch, wenn man sich überlegt, wie die eigene Schulzeit war und was man sich gewünscht hätte.“

Arbeit: viel mehr als Geldverdienen

„Ich habe den Eindruck: Viele Menschen mit Behinderung sind beruflich unterfordert, zu wenige landen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt“, schildert Holger Kiesel. Er setzt sich dafür ein, Übergänge durchlässiger zu gestalten, Menschen mit Behinderung einen besseren Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt zu eröffnen.

Noch immer bekommen Menschen mit Behinderung zu hören: „Sie müssen doch gar nicht arbeiten, Sie bekommen doch Geld vom Amt!“ Abgesehen davon, dass das oft nicht stimmt, „Arbeit ist sehr viel mehr als der Zwang zum Geldverdienen!“, verdeutlicht Holger Kiesel. „Menschen brauchen eine Aufgabe! Eine sinnvolle Tätigkeit, die ihrem Tag Struktur gibt – und das Gefühl, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Das sieht man auch bei den Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Wenn es nur ums Geldverdienen ginge, würde wahrscheinlich keiner in einer Werkstätte arbeiten!“

Wohnen: von der Fürsorge zur Selbstbestimmung

Beim Thema Wohnen verweist Holger Kiesel auf die UN-Behindertenrechtskonvention: „Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht, seine Wohnform und seinen Wohnort frei zu wählen. Dazu brauchen wir deutlich individuellere Wohnformen. Das Wohnheim weit draußen auf dem Land, wo die Menschen mit Behinderung miteinander leben, aber fast ohne Kontakt zur Außenwelt, ist passé. Jetzt geht es darum, alte Strukturen aufzubrechen, in kleinere Einheiten umzuwandeln und inklusiv umzugestalten. Auch der ganze Sozialraum außenherum muss sich mit verändern: Die Nachbarschaft muss eingebunden werden, es muss eine barrierefreie Infrastruktur geben, Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten ... Da geht es nicht mehr nur darum, eine Einrichtung inklusiv und barrierefrei zu planen, sondern Sozialräume und ganze Städte“, verdeutlicht der Behindertenbeauftragte.

Nicht alle Menschen mit Behinderung können oder wollen völlig selbstständig leben. Holger Kiesel setzt auf das Nebeneinander von spezialisierten stationären Einrichtungen und flexiblen Wohnformen. „Die Menschen müssen auch verschiedene Wohnformen ausprobieren können – um herauszufinden, was tatsächlich zu ihnen passt. Der beste Weg zum individuellen Wohnen: wenn ein junger Mensch mit Behinderung direkt aus seinem Elternhaus in eine Wohnform kommt, die zu ihm passt und die den Grad an Inklusivität hat, die er oder sie braucht und möchte – auch, um später ganz selbstständig zu wohnen.“

Corona und Behinderung

„Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Inklusion im Moment noch keine breit verankerte Gesellschaftsidee ist, sondern ein sehr zartes Pflänzchen, das von einem Sturm wie der Corona-Krise leicht umgeweht werden kann“, sagt Holger Kiesel. „Man muss in solchen Zeiten sehr achtsam sein, dass nicht alte Reflexe wieder aufbranden, zum Beispiel die Behütung von Menschen mit Behinderung. Dabei kommt die Selbstbestimmung oft viel zu kurz, noch viel mehr als bei den anderen. Wir gehören nicht grundsätzlich zur Risikogruppe! Man muss auch Menschen mit Behinderung zugestehen, dass sie verantwortungsvolle Entscheidungen treffen können: für ihre eigene Gesundheit und für den Schutz der anderen.“

Zurzeit, so Kiesel, gebe es „vor allem Inselprojekte: Was mir fehlt, ist das große Netzwerk. Eine Umstrukturierung des Wohnens, an der alle gemeinsam mitwirken.“ Auf der Suche nach kreativen Ideen kommen Kommunen und Einrichtungsträger auch auf den Behindertenbeauftragten zu. „Ich versuche dann, die richtigen Leute zusammenzubringen. Der Staat kann solch ein Thema nicht alleine stemmen; da müssen auch das Bewusstsein und der Wille zur Veränderung aus der Gesellschaft kommen.“

Ein junger Mann im Rollstuhl und eine Betreuerin.

Wie kann und möchte ich wohnen? Holger Kiesel setzt auf das Nebeneinander verschiedener Wohnformen und echte Wahlfreiheit für Menschen mit Behinderung.

Politische Teilhabe: wahrgenommen werden, wählen können und selbst mitgestalten!

Politische Teilhabe – dieses Thema ist für den studierten Politologen Holger Kiesel auch ein sehr persönliches: „Menschen mit Behinderung sind zu wenig am politischen Prozess beteiligt. Sie tauchen zu wenig auf, in den Parteien, in den Parlamenten, in den Gremien. Und das führt dazu, dass überall dort das Bewusstsein für die Themen von Menschen mit Behinderung oft fehlt.“ Kiesel möchte beide Seiten ermutigen. Die Menschen mit Behinderung dazu, sich in Parteien zu engagieren und sich um Parlamentssitze zu bewerben: „Seid Stimme für uns und für andere, laut und mutig!“ Und die Politikerinnen und Politiker, Menschen mit Behinderung als Wählerpotenzial wahrzunehmen und mehr auf diese große Bevölkerungsgruppe – etwa jeder elfte Mensch in Bayern – zuzugehen.

Politische Teilhabe beginnt lange vor den Wahlen. Die Wahlberechtigten müssen etwas erfahren: über die Parteien und über das Wahlsystem. Zu den Kommunalwahlen 2020 brachte Holger Kiesel ein Wahl-Hilfe-Heft in Leichter Sprache heraus, gemeinsam mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und dem Bayerischen Innenministerium. Das Heft informiert über Kommunalwahlen, das Wahlrecht, die Stimmzettel und die Stimmabgabe im Wahllokal oder per Brief. Das Bayerische Innenministerium bot zu den Wahlen erstmals einen Erklärfilm in Lautsprache und Gebärdensprache an.

Ziel 2023: möglichst barrierefreie Landtagswahl

Kiesels Ziel für die Landtagswahl 2023 ist es, „so nah wie möglich an die komplette Barrierefreiheit des gesamten Wahlprozesses heranzukommen“. Entscheidend dabei seien auch die Stimmzettel. „Mit denen kommt ein Mensch ohne Einschränkung kaum klar: weil er ihn nicht auseinandergefaltet kriegt, weil er seinen Kandidaten oder seine Kandidatin nicht findet ... Und ihn wieder zusammenzufalten, ist auch eine Herausforderung.“ Eine mögliche Alternative zu den riesigen Bögen seien Wahlunterlagen im handlichen und übersichtlichen Format mit Ringbindung. Auch an Angebote in Brailleschrift für blinde und sehbehinderte Menschen müsse man denken.

Wenn Holger Kiesel drei Wünsche freihätte ...

Angenommen, Holger Kiesel träfe eine gute Fee. Sie gäbe ihm drei Wünsche frei, einen an die Akteure in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, einen an die breite Öffentlichkeit und einen an jemanden seiner Wahl. Was würde sich Holger Kiesel wünschen?

„Dass sie bei allem, was sie tun, automatisch die Menschen mit Behinderung und ihre Bedürfnisse mitdenken.“

„Dass jeder Mensch, der ein Problem anspricht oder einen Wunsch äußert oder eine Idee hat, dabei versucht, die Perspektive der anderen mit einzubeziehen. Auf die Frage: `Was möchte oder brauche ich?´ müsste der Spiegel kommen: `Und was brauchen andere vielleicht?´ Das gilt für die Alten, für die Jungen, für die Frauen, für die Männer, für die Menschen mit und ohne Behinderung.“

„Dann richte ich den dritten Wunsch an alle Menschen mit Behinderung: Haltet zusammen! Werft eure Anliegen und Wünsche in einen Topf und guckt, welche praktikablen Lösungen man erreichen kann! Spielt eure Bedürfnisse nicht gegeneinander aus.“

Watte, Ellbogen, Gleichheit: Holger Kiesels (Hoch-)Schulerfahrung

Bis zur siebten Klasse besuchte Holger Kiesel eine Sonderschule für Körperbehinderte. Er erinnert sich einerseits an ein starkes Gemeinschaftsgefühl: „Man war immer füreinander da, hat aufeinander Rücksicht genommen, hat sich gegenseitig geholfen.“ Und andererseits an „Überbehütung, keine Gelegenheit, seine Grenzen auszutesten, ja, auch nur in die Nähe von Grenzen zu kommen.“

„Die anderen sehen nur die Unterschiede.“

 

Danach wechselte Kiesel aufs damals einzige barrierefreie Gymnasium in seiner Gegend, eine humanistische Schule mit Latein als erster Fremdsprache. Dort wurde er nicht in die achte Klasse eingestuft, sondern in die fünfte, um Latein nachzulernen. Der mit Abstand älteste Schüler der Klasse und der einzige mit Behinderung: Kiesel erlebte eine „vollkommene Ellenbogenwelt“ mit hohen Erwartungen; die Jugendlichen gaben den Druck an die vermeintlich Schwächeren weiter. Holger Kiesel hatte die gleichen Träume und Wünsche wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler, die gleichen modischen Ein- und Ausfälle, die gleichen Probleme, aber gleich fühlte nur er sich: „Die anderen sehen nur die Unterschiede“, sagt er und er wählt dabei nicht die Vergangenheitsform. Hat er auch positive Erfahrungen gemacht? Holger Kiesel klingt ganz nüchtern, als er sagt: „Ich habe gelernt: Okay, das Leben ist keine Wattepackung, du musst Selbstbewusstsein entwickeln, dich durchsetzen können.“

Gerne erinnert sich Holger Kiesel an seine Studienzeit. „Das war eine sehr angenehme Gleichheit. Der Druck war für uns alle weg, wir hatten erstmal alle unser Ziel erreicht, wir hatten das Abitur, wir wollten vom Leben was kennenlernen, uns Wissen aneignen. Ich habe mich meist als Gleicher unter Gleichen empfunden und dieses Gefühl auch zurückbekommen. Damals sind mit die haltbarsten Freundschaften entstanden.“

Und jetzt ALLE!

„Inklusion ist nur was für außergewöhnliche Einzelkämpfer-Naturen“: Diesen Satz bekam Holger Kiesel als junger Mann auf einer Podiumsdiskussion zu hören; er begleitete seine Laufbahn. Als Behindertenbeauftragter engagiert er sich heute dafür, dass Inklusion genau das Gegenteil ist: etwas ganz Normales – für alle Menschen.

Logo: „Und jetzt ALLE!“.

„Und jetzt ALLE!“ ist das Motto des Bayerischen Behindertenbeauftragten. Der Aufruf richtet sich an Menschen, die Barrieren abbauen können, in den Köpfen, in der Welt. Und an Menschen, die dann ihre Chance auf Teilhabe nutzen können. Naja, eben: an alle. Logisch.