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Im Gespräch mit … Prof. Lydia Haack und Dr. Jörg Heiler

München, April 2024. Mit ihrer Arbeit leistet die Bayerische Architektenkammer einen wichtigen Beitrag zur Barrierefreiheit in Architektur und Stadtplanung. Hier werden Inklusion und Nachhaltigkeit neu gedacht und so wird die Chancengleichheit für alle Menschen gefördert. Dazu trägt auch das Angebot der Beratungsstelle Barrierefreiheit maßgeblich bei. Prof. Lydia Haack, Präsidentin der Bayerischen Architektenkammer, und Dr. Jörg Heiler, Vorstandskooperator der Beratungsstelle Barrierefreiheit, erklären im Gespräch, warum Barrierefreiheit beim Bauen so unverzichtbar ist wie der Brandschutz. 

Gemeinsames Porträtfoto: Prof. Lydia Haack und Dr. Jörg Heiler.

Über Prof. Lydia Haack

Porträtfoto: Lydia Haack.

Prof. Lydia Haack ist Architektin und Stadtplanerin und seit 2016 Mitglied des Vorstands der Bayerischen Architektenkammer. Seit 2021 hat sie das Amt der Kammerpräsidentin inne. An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz lehrt sie Baukonstruktion und Entwerfen. 

Meine Meinung

„Barrierefreiheit ist ein selbstverständlicher Teil unserer täglichen Arbeit als Architektinnen und Architekten, ganz gleich, ob wir eine Kita, eine Schule oder ein Museum bauen.“

Über Dr. Jörg Heiler

Porträtfoto: Jörg Heiler.

Dr. Jörg Heiler arbeitet als selbstständiger Architekt und Stadtplaner. Seit 2016 ist er Mitglied des Vorstands der Bayerischen Architektenkammer und seit 2021 Vorstandskooperator der Beratungsstelle Barrierefreiheit. Dr. Jörg Heiler ist zudem Landesvorsitzender im Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) in Bayern.

Meine Meinung

„Wenn Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht wird, kann sie einen Entwurf nur verbessern und es entsteht eine neue Großzügigkeit.“

Barrierefreiheit als Chance verstehen

Die Bayerische Architektenkammer engagiert sich seit 1984 für barrierefreies Planen und Bauen. Warum ist Ihnen das Thema ein Anliegen?

Prof. Lydia Haack: Wir als Expertinnen und Experten der Fachrichtungen Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung tragen Verantwortung dafür, dass Bauwerke, die in der Regel über einen langen Zeitraum genutzt werden, für alle Menschen zugänglich und benutzbar sind. Dahinter steckt der Leitgedanke, Räume nachhaltig und inklusiv zu gestalten und zur Chancengleichheit beizutragen. Barrierefreiheit ist nicht nur ein Thema von Schwellen und Übergängen, sondern hat auch etwas mit Übersichtlichkeit und Verständlichkeit zu tun. Von einer gelungenen Gebäudegestaltung profitieren nicht nur beeinträchtigte Menschen, sondern alle Menschen. 

Dr. Jörg Heiler: Barrierefreiheit ist integrales Element der Architektur, die per se inklusiv ist beziehungsweise sein muss. Architektur ist Ausdruck einer humanen und sozialen Gesellschaft, die offen sein muss für alle Menschen mit ihren individuellen Möglichkeiten.

Zu welchen Themen kann ich mich in der Beratungsstelle informieren?

Prof. Lydia Haack: Wir beraten zu den „klassischen“ Themen der Barrierefreiheit, das heißt, wir überlegen im Einzelfall, wie ein Gebäude innen und außen für alle zugänglich und benutzbar gemacht werden kann. Etwa, wie taktile Leitsysteme und Rampen beschaffen sein müssen, damit sich alle Menschen zurechtfinden. Seit 2016 geht die Beratung aber auch über das Planen und Bauen hinaus und schließt inzwischen die Themen Digitalisierung, Leichte Sprache und Unterstützte Kommunikation mit ein.

Dr. Jörg Heiler: Für die neueren Themen bekommen wir Unterstützung von Spezialistinnen und Spezialisten der Stiftung Pfennigparade und der CAB Caritas Augsburg, diese Zusammenarbeit ist für uns sehr wertvoll. Die Leichte Sprache kommt immer mehr Menschen zugute, denn durch die globale Migration sind wir eine vielfältige Gesellschaft geworden mit Menschen, die aus humanen oder wirtschaftlichen Gründen aus allen Teilen dieser Welt zu uns kommen. Diese Menschen benötigen die Leichte Sprache genauso wie Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen.

Kostenlose Erstberatung

Ob im Wohnungsbau, im digitalen Raum oder in der kommunalen Planung: Das Angebot der Beratungsstelle Barrierefreiheit richtet sich an Privatpersonen ebenso wie an Fachleute, Institutionen und Firmen. Expertinnen und Experten bieten Ratsuchenden Antworten auf individuelle Fragen und Hintergrundinformationen zur Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen – per Telefon, E-Mail und persönlich an 18 Standorten in ganz Bayern. Das Angebot wird vom Bayerischen Sozialministerium gefördert. Die Erstberatung ist kostenlos.

Unter der Hotline der Beratungsstelle Barrierefreiheit können Sie erste Fragen klären und Ihren persönlichen Beratungstermin sichern:

Beratungs-Hotline: 089 139880-80
Hier erfahren Sie mehr über die Beratungsstelle Barrierefreiheit.

 

 

Für Planerinnen und Planer bringt die Barrierefreiheit ein umfassendes, zusätzliches Regelwerk mit sich. Wie kommt das in Ihrem Berufsstand an? Gibt es bereits ein Bewusstsein für die Wichtigkeit der Barrierefreiheit oder wird sie eher einschränkend wahrgenommen?

Dr. Jörg Heiler: Wenn wir die Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken, ist sie keine Einschränkung, sondern beeinflusst einen Entwurf positiv. Jeder Entwurf braucht Inhalt, jede Idee braucht Konzepte und Bedingungen und wenn diese einfließen, verbessert es das Gesamtkonzept. Sowohl die Außenanlagen als auch die Innenräume profitieren von der Großzügigkeit und Zugänglichkeit, die barrierefreie Lösungen mit sich bringen. Das kann ich aus eigener Erfahrung als Architekt sagen – für den Erweiterungsbau der Kinderkrippe St. Hedwig in Kempten haben wir mit einer Rampe einen barrierefreien Zugang ins tiefer liegende Erdgeschoss geschaffen. Diese Rampe ist nicht DIN-gerecht, weil es bei der vorliegenden Länge und Höhe eigentlich ein Zwischenpodest gebraucht hätte. Die individuelle Lösung, die wir hier in Abstimmung mit dem Bauherrn und der Genehmigungsbehörde gefunden haben, ermöglicht aber nicht nur körperlich eingeschränkten Kindern mehr Möglichkeiten, sondern auch allen anderen. Alle Kinder lieben diese Rampe, weil sie sich auf so vielfältige Weise zum Spielen eignet.

Prof. Lydia Haack: Ich nehme wahr, dass die Menschen in unserer Gesellschaft insgesamt sensibler für das Thema Chancengleichheit werden, und das ist eine positive Entwicklung! In unserem Berufsstand ist das Bewusstsein für eine barrierefreie Gestaltung meines Erachtens schon lange präsent, da Barrierefreiheit ein selbstverständlicher Teil unserer täglichen Arbeit als Architektinnen und Architekten ist, ganz gleich, ob wir eine Kita, eine Schule oder ein Museum bauen. Es ist Teil der universitären Lehre und auch bei uns in der Akademie der Bayerischen Architektenkammer bieten wir Seminare und Weiterbildungen zum barrierefreien Bauen an.

Modell der Rampe.

Beim barrierefreien Bauen kommt es auf individuelle und durchdachte Lösungen an – wie etwa beim Entwurf der Rampe für den Erweiterungsbau der Kinderkrippe St. Hedwig in Kempten.

Mehrere Kinder laufen die Rampe mit Luftballons nach oben.

Die Rampe stellt nicht nur sicher, dass körperlich eingeschränkte Menschen das tiefer gelegene Erdgeschoss erreichen können, sondern bietet für alle Kinder einen Mehrwert. 

„Ich nehme wahr, dass die Menschen in unserer Gesellschaft insgesamt sensibler für das Thema Chancengleichheit werden, und das ist eine positive Entwicklung!“

 

Auch beim Thema Klimawandel herrscht ein neues Bewusstsein. Für die Barrierefreiheit müssen aber oftmals Flächen versiegelt werden, außerdem erfordert sie oft mehr Raum, der in Städten ohnehin knapp ist. Gibt es einen Zielkonflikt zwischen Barrierefreiheit und Klimaschutz?

Prof. Lydia Haack: Den Zielkonflikt sehe ich nicht, es können noch so viele Flächen entsiegelt werden und trotzdem kann Barrierefreiheit hergestellt werden. Sich den Herausforderungen unserer Zeit ganzheitlich zu stellen und viele Seiten zu berücksichtigen, ohne sie gegeneinander auszuspielen, ist unsere Aufgabe. Der taktile Bereich ist in der Barrierefreiheit besonders wichtig. Natürlich fällt es den Menschen auf einer unebenen oder nicht befestigten Fläche mit dem Rollstuhl schwerer, mobil zu sein. Wir müssen weiter prüfen, welche Beläge barrierefrei und gleichermaßen versiegelungsoffen sind. Ebenso wichtig ist, dass wir schauen, was schon da ist und wie die bestehenden Strukturen im Sinne der Barrierefreiheit genutzt oder umgenutzt werden können, um nicht mehr so viele Ressourcen zu entnehmen und diese möglichst lange im Kreislauf zu halten. Ein wichtiger Bereich, der uns manchmal vor erhebliche Herausforderungen stellt, ist das Bauen im Bestand, ein immens wichtiges Thema in Zeiten des Klimawandels.

Die Baubranche verbraucht bislang sehr viele Ressourcen und recycelt wenig, es gibt eine gängige Praxis von Abriss und Neubau. Bestandsbauten umzubauen, anstatt sie abzureißen und etwas Neues zu planen, spart große Mengen CO2 ein. 

Prof. Lydia Haack: Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Verantwortung als Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen dahingehend wahrnehmen und Räume gestalten, die klima- und erdschonend sind, Veränderungen standhalten und auch für künftige Generationen, ob mit oder ohne Beeinträchtigungen lebenswert sind. Mit dem Leitbegriff der Bayerischen Architektenkammer, der KlimaKulturKompetenz, wollen wir die Verantwortung für unser Handeln wahrnehmen und die ökologische Transformation im Bauen und Planen voranbringen. Ein Baustein dafür ist die Umbaukultur. Während Barrierefreiheit bei Neubauten selbstverständlich verwirklicht und von vornherein mitgedacht wird, müssen bei Gebäuden mit einer alten Bausubstanz Lösungen gefunden und manchmal auch Kompromisse geschlossen werden.

Dr. Jörg Heiler: In KlimaKulturKompetenz steckt neben der Kultur, also einer inklusiven, sozialen Komponente, eben auch die Kompetenz, das heißt, es braucht Entwurfsideen und individuelle Lösungsansätze. Um die Barrierefreiheit in Bestandsbauten zu integrieren, ist es nicht immer möglich, streng nach DIN-Norm zu arbeiten. Im Bestand müssen wir in Kauf nehmen, dass Abstände mal ein kleines bisschen anders sind oder eine Rampe etwas länger ist.

KlimaKulturKompetenz

Die „KlimaKulturKompetenz“ ist der Bayerischen Architektenkammer ein wichtiges Anliegen. Ziel ist es, räumliche und bauliche Strukturen zu schaffen, die robust und zugleich so nachhaltig, sozial- und naturverträglich sind, dass für künftige Generationen eine lebenswerte Umwelt erhalten bleibt. 

Mit dem Prädikat „KlimaKulturKompetenz“ zeichnete die Bayerische Architektenkammer 2023 erstmals ausgewählte Projekte aus, die vorbildlich in Sachen Nachhaltigkeit sind. Im Fokus standen dabei Aspekte wie Energieeffizienz – also der ressourcenschonende Einsatz von Energie –, Klimaanpassung, Flächensparen und Barrierefreiheit. 

Hier erfahren Sie mehr über das Prädikat „KlimaKulturKompetenz“.

 

Blick in den grünen, von Laubengängen umschlossenen Hof des Studentenwohnheims.

In Rosenheim lebt und lernt es sich ausgezeichnet: Das Projekt Studentisches Wohnen CampusRO erhielt 2023 von der Bayerischen Architektenkammer das Prädikat „KlimaKulturKompetenz“ in allen Kategorien.

Außenbeleuchtung des Studentenwohnheims bei Dämmerung.

Der CampusRO ist ein Objekt mit besonderer Strahlkraft – in Sachen Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit. Der Neubau verfügt zum Beispiel über ein komplett barrierefreies Geschoss und zusätzlich über Wohnungen, die uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbar sind.

Die Initiative Gebäudetyp-e der Bayerischen Architektenkammer für einfacheres und experimentelleres Bauen zielt darauf ab, auch Abweichungen von der Norm zuzulassen, wenn sie nicht die Schutzziele der Bayerischen Bauordnung verletzen. Ist auch bei der Barrierefreiheit ein gewisser Spielraum möglich?

Dr. Jörg Heiler: Dafür muss man sich im Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen auskennen: Was ist leistbar und was nicht? Beim Gebäudetyp-e reden wir über Regelwerke einer Gesellschaft, die zum Glück 80 Jahre in Frieden und Wohlstand gelebt hat und wo sich ein gewisser „Speck“ angesammelt hat, den wir jetzt loswerden wollen. Barrierefreiheit und Inklusion sind per se absolut unverzichtbar und sie gehören nach unserer Lesart wie die Standsicherheit oder der Brandschutz zu den Schutzzielen der Bauordnung. Es geht also eher um die Art der Umsetzung im Einzelfall, hier müssen auch mal kleine Abweichungen erlaubt sein.

Prof. Lydia Haack: Der Grundsatz des Gebäudetyp-e ist, dass man nicht mehr für alle Eventualitäten plant, sondern dass sich Bauherr und Architekt genau überlegen, was ein Gebäude für Bedingungen erfüllen soll, und im Rahmen dieser Erfüllung muss auch die Barrierefreiheit sinnvoll mitgedacht werden. Was ist ein sinnvolles Maß, was ist aber überbordend? Es geht um das individuelle Betrachten der Bauaufgabe.


 

„Barrierefreiheit und Inklusion sind per se absolut unverzichtbar und sie gehören nach unserer Lesart wie die Standsicherheit oder der Brandschutz zu den Schutzzielen der Bauordnung.“

Gebäudetyp-e

Die Initiative Gebäudetyp-e der Bayerischen Architektenkammer soll architektonischen Innovationen den Weg frei machen. Das „e“ steht dabei für einfach oder experimentell. Bayern hat diesen Grundgedanken im Bauordnungsrecht bereits umgesetzt: Abweichungs- und Experimentiermöglichkeiten werden erleichtert. Bauherrinnen und Bauherren sowie Planerinnen und Planer erhalten damit eine Grundlage für mehr Gestaltungsspielraum, um innovativ, nachhaltig und bezahlbar planen und bauen zu können. 

 

Die Anforderungen in einer komplexer werdenden Welt werden größer. Bildet sich das auch in einer gestiegenen Nachfrage ab?

Dr. Jörg Heiler: Insgesamt fanden seit Einrichtung der Beratungsstelle 1984 93.000 Beratungen statt. 2013 wurde das Beratungsangebot in kurzer Zeit mehr als verdoppelt, sodass wir inzwischen an 18 Standorten verteilt über alle Regierungsbezirke präsent sein können. Die meisten Beratungsstunden, circa 3.750 Stunden, konnten wir bisher 2017 verzeichnen. Die meisten Beratungsanfragen gab es 2020 mit rund 3.100 Anfragen. Seitdem bewegen wir uns in etwa auf diesem Niveau. Bei unserer demografischen Entwicklung ist das leicht zu erklären, aber auch durch die sensibler werdende Gesellschaft, die differenzierter auf soziale Ungleichheiten schaut und in deren Gesetzgebung die Inklusion inzwischen einfließt, steigt der Beratungsbedarf. Dass die Relevanz unseres Berufsstandes dahingehend immer mehr wahrgenommen wird, freut mich natürlich.

Wie weit sind wir inzwischen auf dem Weg zu einer barrierefreien und auch inklusiven Gesellschaft?

Prof. Lydia Haack: Ich denke, dass wir als Bayerische Architektenkammer in partnerschaftlicher Kooperation mit dem Bayerischen Sozialministerium stetig weiter daran arbeiten müssen, dass Barrierefreiheit nicht als Muss, sondern als Chance verstanden wird und neue Möglichkeitsräume schafft. Bayern im gesamten öffentlichen Raum barrierefrei zu gestalten, ist ein ambitioniertes Ziel, das wir noch nicht erreicht haben, aber wir sind definitiv auf einem guten Weg. Sehr viele öffentliche Gebäude sind inzwischen auch durch den Haupteingang barrierefrei zugänglich. Manchmal muss man sich hohe Ziele setzen, um etwas in Bewegung zu bringen.

Dr. Jörg Heiler: Architektur ist zum Glück etwas Sinnliches, Physisches und Analoges und zugleich kommt uns bei der Inklusion in vielerlei Hinsicht das Digitale sehr zugute. Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet mit großem Tempo voran und ich denke, dass uns hier noch ganz viele Türen offen stehen werden, und ich bin froh, dass wir mit der CAB Caritas Augsburg, der Pfennigparade und dem Sozialministerium Partner an unserer Seite haben, mit denen wir das Virtuelle mit dem Analogen verbinden können, um in Zukunft Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen noch selbstverständlicher am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.