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Bayern barrierefrei

Barrierefreies Rathaus Wolframs-Eschenbach

Wolframs-Eschenbach, September 2016. Das Rathaus in Wolframs-Eschenbach zeigt: Auch ein fast 400 Jahre altes Gebäude mit Wendeltreppe kann barrierefrei werden. So schmiegt sich heute ein moderner Anbau aus Glas und Stahl an den alten, historischen Teil des Hauses. Hier vertragen sich Barrierefreiheit und Denkmalschutz. Den neuen Bau möchte heute keiner mehr missen. Wir haben das Rathaus besucht, einen Spaziergang durch Wolframs-Eschenbach gemacht und dabei die Zukunft im Herzen einer historischen Altstadt entdeckt.

Rathaus in Wolframs-Eschenbach mit dem neuen und alten Eingang.

Über Michael Dörr

Porträtfoto: Michael Dörr.

Michael Dörr ist seit 2008 Bürgermeister von Wolframs-Eschenbach. Er informiert sich laufend über neue Möglichkeiten für mehr Barrierefreiheit – vor allem online und auf Reisen. Sein aktuelles Projekt: die Nachrüstung des Wohnmobilstellplatzes mit barrierefreien Toiletten und Duschen.

Meine Meinung

„Fit sein für die Zukunft! Es geht um Lebensqualität für alle, für Menschen mit Behinderung und für ältere Menschen. Damit sie ihren Platz in der Gesellschaft haben.“

Über Wolfram Arnold

Porträtfoto: Wolfram Arnold.

Von 1996 bis 2008 war Wolfram Arnold im Stadtrat von Wolframs-Eschenbach tätig, heute ist er Behindertenbeauftragter seiner fränkischen Heimatstadt. Er engagierte sich mehr als dreißig Jahre lang im Betriebsrat seiner Firma, auch für die Belange von Menschen mit Behinderung.

Meine Meinung

„Ich denke neben den älteren Menschen auch an die Jungen: Ich habe es selber erlebt, innerhalb von Sekunden kann sich das Leben ändern, und dann ist man der Betroffene. Teilhabe ist das Wichtigste, denn ich möchte mich nicht ausgegrenzt fühlen. Jeder profitiert von Barrierefreiheit!“

Über Anton Seitz

Porträtfoto: Anton Seitz.

Anton Seitz war 24 Jahre lang Bürgermeister von Wolframs-Eschenbach. Bereits in seiner Amtszeit, seit den 1990er-Jahren, setzte er sich vermehrt für Barrierefreiheit in der Gemeinde ein. Der Umbau des Rathauses war dabei ein wichtiger Schritt. Seit 2010 ist er Behindertenbeauftragter des Landkreises Ansbach mit 58 Gemeinden.

Meine Meinung

„Barrierefreiheit bedeutet, teilhaben zu können. Das sollte für alle Menschen möglich sein – das ist ein Bürgerrecht.“

Alt trifft Neu

Das Rathaus von Wolframs-Eschenbach – im 17. Jahrhundert als Schloss errichtet – ist barrierefrei. Das war nicht immer so. Der frühere Eingang: Drei Stufen führen zu einer kleinen Holztür. Dahinter geht es über eine Wendeltreppe aus Stein hinauf zu den früheren Verwaltungsräumen. Altbürgermeister Anton Seitz erinnert sich: „Oben im alten Sitzungssaal ist auch gewählt worden. Für körperlich eingeschränkte Menschen bedeutete die Treppe demzufolge eine Einschränkung ihrer Bürgerrechte – damals gab es schließlich noch keine Briefwahl.“ Wurde es bei einer Wahl eng, trugen Bürger ihre Freunde mit Behinderung hinauf, um deren Stimmen zu sichern. Das ist heute nicht mehr nötig. Denn dank eines Glasanbaus am hinteren Teil des Rathauses – ausgestattet mit einem breiten Treppenhaus, einem Aufzug über alle Etagen und einer behindertengerechten Toilette – ist das Gebäude nun für jedermann zugänglich. „Das war die Voraussetzung für den Bau“, erklärt Anton Seitz.

Unterstützt wurde er beim Umbau auch von Wolfram Arnold, der viele Impulse lieferte. Der Behindertenbeauftragte von Wolframs-Eschenbach setzt sich für Barrierefreiheit in der ganzen Stadt ein, ist beratend tätig und betreut ehrenamtlich Schlaganfallpatienten. Nach einer Gehirnblutung im Jahr 2005 und mehreren Schlaganfällen ist Wolfram Arnold halbseitig gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Innenaufnahme: elektronisch öffnende Tür im Anbau.

Den Einbau einer elektrisch öffnenden Tür hatte Wolfram Arnold angeregt. Mit dem Aufzug gelangt er in jede Etage des Rathauses.

Nahaufnahme: Handlauf im Anbau.

Auch auf Details kommt es an: Halt und Hilfe bringt der Handlauf im Treppenhaus des neuen Anbaus.

Rathaus wird Bürgerhaus

2001 wurde der Anbau nach dreijähriger Bauzeit und noch längerer Planung eingeweiht. Weil die Bauarbeiter für den Aufzug und die Toiletten in den Grund gehen mussten, wurden Archäologen hinzugezogen. Sie entdeckten Grabbeigaben und Skelette aus der Karolingerzeit, also dem 8. Jahrhundert. „So sind wir auf einen Schlag 200 Jahre älter geworden“, erinnert sich Anton Seitz. „Das bedeutete zwar eine Verzögerung des Baus, war für die Stadtgeschichte aber sehr wertvoll.“ Die neue, öffentlich zugängliche Toilette im Rathaus ist ein großer Gewinn: Anton Seitz berichtet von einem Bürger, der aufgrund seiner Blasenschwäche nicht mehr in die Kirche gehen konnte. Nun kann er den Gottesdienst wieder besuchen – dank der elektronisch geschalteten Tür, die auch sonntags in Betrieb ist. „Dies ist ein Rat- und Bürgerhaus“, betont Michael Dörr.

Der alte Eingang mit Wendeltreppe.

So sah der Eingang bis zum Umbau aus. Die steinerne Renaissance-Wendeltreppe verwehrte körperlich eingeschränkten Menschen den Zugang.

Der neue Anbau mit moderner Treppe.

Im neuen Glasanbau gibt es einen Aufzug und breite Treppen mit stabilem Geländer. Die Stufen aus Jura-Marmor passen gut zu den Mauern des alten Rathauses.

Historisches Gebäude: Flur mit Stufen.

Der historische Ratskeller im Untergeschoss ist nur über drei Stufen erreichbar.

Dasselbe Gebäude: Eine Rampe überbrückt die Stufen.

Mit wenigen Handgriffen wird der Raum barrierefrei zugänglich – dank einer mobilen Rampe.

Denkmalschutz bedeutet Kompromisse

„Denkmalschutz wurde häufig als Ausrede missbraucht, um Barrierefreiheit nicht herstellen zu müssen“, erklärt Anton Seitz und ist sicher: „Das geht heute nicht mehr.“

Es sind oft Kompromisse möglich. Wichtig ist: Beides – Denkmalschutz und Barrierefreiheit – sind wichtige Ziele und haben Verfassungsrang. „Man kann heute nicht mehr sagen, dass sich die Barrierefreiheit dem Denkmalschutz unterordnen muss“, sagt der Altbürgermeister, der in dieser Hinsicht vom Landesamt für Denkmalpflege unterstützt wird.

Der Spagat zwischen Funktionalität und Ursprung ist eine der größten Herausforderungen.

Der Außenbau war ihm wichtig. Anfangs musste er sich oft durchsetzen: Die Denkmalschützer wollten nur innen umbauen, um die wertvolle Fassade unverändert zu lassen. „Doch man muss den Mut haben, die verschiedenen Materialien des 20. und 21. Jahrhunderts neben die des 17. Jahrhunderts zu stellen“, findet Anton Seitz. Mit der Begründung, dass der neue Gebäudeteil filigran wirkt und optisch zum bestehenden Teil passt, war der Anbau dann möglich. Wichtig war dabei auch, dass man das alte Rathaus durch den neuen Teil hindurch sehen kann. Die neue Fassade wertet das Rathaus zusätzlich auf, findet auch Wolfram Arnold: „Es ist schön, wenn man Alt und Neu miteinander verbindet. Viele zögern viel zu lange, dabei ist es so einfach.“

Bildergalerie: Stadtrundgang durch Wolframs-Eschenbach

Das historische Stadttor und die neue Fußgängerbrücke.

Auch an anderen Stellen in Wolframs-Eschenbach fielen Barrieren: Unmittelbar neben dem Aufgang zum historischen Stadttor entstand eine moderne Fußgängerbrücke. Die ursprüngliche Idee, Fußgänger und Autos zu trennen, kommt nun allen Bürgern und Besuchern zugute. „Alle gelangen besser in die Stadt – ob Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen“, freut sich Bürgermeister Michael Dörr.

Der Literaturweg Franken.

Unter der neuen Fußgängerbrücke befindet sich der 2,3 km lange Literaturweg Franken. Diesen Rundgang säumen 15 Tafeln mit Stücken fränkischer Dichter, darunter natürlich auch Wolfram von Eschenbach.

Blick durch die Stadtmauer auf die neue Fußgängerbrücke.

Wolframs-Eschenbach baut Barrieren ab und verbindet Altes mit Neuem: der Blick durch die historische Stadtmauer auf die moderne Fußgängerbrücke.

Wolfram Arnold fährt mit dem Rollstuhl über einen abgesenkten Bordstein.

Auch die Hauptstraße wurde vor einigen Jahren aufwendig saniert: Alle Steine des über 200 Jahre alten Kopfsteinpflasters wurden mit Mörtel neu auf einer Asphaltschicht verlegt. Dadurch entstand eine ebenere Oberfläche und gleichzeitig konnte man die historische, denkmalgeschützte Bausubstanz erhalten. „Auch hier haben wir versucht, Funktionalität und historische Optik zu vereinbaren“, erklärt Michael Dörr und ergänzt: „Dieser Spagat ist eine der größten Herausforderungen.“ Für die Gehwege wurden neue, glatte Steine aus gesägtem Granit verwendet.

Nahaufnahme: Rollstuhlreifen an abgesenkter Bordsteinkante.

Damit Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder aber Kinderwagen sich besser fortbewegen können, wurden in ganz Wolframs-Eschenbach die Bordsteine von etwa 13 auf 3 Zentimeter abgesenkt. Laut Anton Seitz hatten die hohen Bordsteinkanten nur einen Vorteil: Die Autos haben nicht darauf geparkt und Rollstuhlfahrer oder Kinderwagen den Weg versperrt. Deshalb müsse noch mehr kommuniziert werden: „Wir klären über das Rauchen auf, aber was die Menschen anderen mit ihrem Auf-dem-Gehweg-Parken antun, das wird nicht bedacht.“

Eine Gemeinde im Wandel

Bei allen Neu- und Umbauprojekten der vergangenen Jahre hatte Michael Dörr die Barrierefreiheit im Blick. „Der Bürgermeister kann so viel erreichen, verändern und bei Baumaßnahmen mitreden.“

Das Signet „Bayern barrierefrei“ sieht er als Verpflichtung und gleichzeitig als Anreiz, weitere Mängel auszubessern. Barrieren sollen in der Gastronomie, im Stadtmuseum und in der neuen Bücherei abgebaut werden, damit jedes öffentliche Gebäude jedem zugänglich ist. Es geht um Sensibilisierung. „Jeder Autofahrer, jeder Bauherr muss für das Thema Barrierefreiheit sensibilisiert werden“, betont Michael Dörr.

Er wünscht sich außerdem Barrierefreiheit im Einzelhandel. Denn auch ein demografischer Wandel ist in dem Ort mit ca. 3.100 Einwohnern spürbar: In den letzten 22 Jahren hat sich die Zahl der Menschen über 60 Jahre verdoppelt.

Tipp für Kommunen: Austausch ist das A und O

Es ist wichtig, dass man in jeder Gemeinde Ansprechpartner benennt. „Jeder Bürgermeister sollte bei Baumaßnahmen jemanden hinzuziehen, der betroffen ist und sich daher mit dem Thema auskennt“, rät Anton Seitz, der für neue Inspirationen andere Städte mit ähnlichen Voraussetzungen besucht. „Was ein anderer schon erfunden hat, muss man selber nicht erfinden“, erklärt er. „Von anderen zu lernen ist wichtig.“