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Bayern barrierefrei

Fach-Zentrum für Leichte Sprache

Augsburg, Mai 2016. Vom Zeitungsartikel bis zum Behördenbrief, vom Mietvertrag bis zur Bedienungsanleitung für den Wasserkocher: Verstehen Sie alles, was Sie tagtäglich zu lesen bekommen? Nicht nur Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten sind von unserer Alltagssprache oft überfordert. Zum Glück gibt es die Leichte Sprache. Sie hilft beim Verstehen – weil sie zum Nachdenken beim Schreiben zwingt.

Junge Frau zeigt einen Aufkleber mit der Aufschrift „Leichte Sprache“.

Über Kristina Wehner

Porträtfoto: Kristina Wehner

Bei ihrer Arbeit als Heilerziehungspflegerin in einer Werkstatt für behinderte Menschen kam Kristina Wehner mit der Leichten Sprache in Kontakt. Sie machte eine Weiterbildung zur Übersetzerin für Leichte Sprache. Heute arbeitet sie beim Fach-Zentrum für Leichte Sprache der CAB – Caritas Augsburg Betriebsträger gGmbH.

Meine Meinung

„Wenn Menschen einander besser verstehen, dann kommen sie auch gut miteinander aus. Ich wünsche mir, dass es mehr Aufklärung gibt. `Barrierefreiheit´ ist kein einfaches Wort. Man muss erklären, was Barrierefreiheit ist und dass sie jeden etwas angeht!“

Über Tanja Greisel und Maria Hütter

Porträtfoto: Tanja Greisel und Maria Hütter

Tanja Greisel (links) und Maria Hütter arbeiten als Prüferinnen im Augsburger Fach-Zentrum für Leichte Sprache. Sie lesen Übersetzungen aus der Alltagssprache und markieren, welche Abschnitte geändert und welche Begriffe (besser) erklärt werden müssen.

Unsere Meinung

„Warum steht am Bahnhof `Info-Point´ und nicht einfach `Information´?“ Tanja Greisel

„Es wäre cool, wenn Leichte Sprache ein Gesetz wird.“ Maria Hütter

Leichte Sprache braucht starke Teams

Maria Hütter hat Lernschwierigkeiten. Deshalb hat sie früher in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet und Bücher gemängelt. Wie bitte? Das Wort verstehe ich nicht. Maria Hütter lacht: „Das bedeutet: Ich habe das Wort `Mängelexemplar´ auf Bücher gestempelt.“ Für solche Mängelexemplare gilt die Buchpreisbindung nicht mehr, Buchhändler dürfen sie billiger verkaufen. Bücher fand Maria Hütter schon immer spannend, das Büchermängeln eher nicht. Als sie 2012 die Chance bekam, als Prüferin für Leichte Sprache zu arbeiten, griff sie zu. Sie besuchte eine Weiterbildung und Schulungen. Dann startete sie ihre Karriere am Fach-Zentrum für Leichte Sprache in Augsburg. Jeder Leichte Text wird von betroffenen Menschen geprüft – also z. B. von Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten. Dabei arbeiten sie – eng und auf Augenhöhe – mit den Übersetzerinnen und Übersetzern zusammen. So entstehen Texte, die alle verstehen. Und die Prüferinnen und Prüfer erleben sich als geschätzte Fachleute in inklusiven Teams.

Was ist Leichte Sprache?

Das Ziel von Leichter Sprache: Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten sollen sich selbstständig und selbstbestimmt informieren können. In Übersetzungsbüros für Leichte Sprache flattern täglich ganz unterschiedliche Texte, vom Info-Faltblatt bis zum Wahlprogramm. Diese Texte sind in Alltags- oder Amtssprache geschrieben. Der folgende Satz z. B. soll erklären, was die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ist: „Dieses universelle Vertragsinstrument konkretisiert bestehende Menschenrechte für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen mit dem Ziel, ihre Chancengleichheit in der Gesellschaft zu fördern.“ Die Übersetzerinnen und Übersetzer für Leichte Sprache machen daraus Sätze wie diesen: „In dieser Vereinbarung stehen die Rechte von Menschen mit Behinderung.“ Sie übersetzen also nicht den genauen Wortlaut, sondern übertragen den Kern des Inhalts: nicht alle Details, sondern alles, was wichtig ist.

Dank der Leichten Sprache können sich Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten selbstständig und selbstbestimmt informieren.

Regeln der Leichten Sprache

Für die Leichte Sprache gelten klare Regeln. Die Sätze sind kurz. Es gibt nur Hauptsätze, keine Nebensätze. Zusammengesetzte Hauptwörter werden getrennt (durch einen Bindestrich oder den neu erfundenen Mediopunkt auf halber Buchstabenhöhe). „Hauptwörter“ wird z. B. zu „Haupt-Wörter“ oder „Haupt·Wörter“. So sind lange Wörter besser verständlich. Fremdwörter, Fachbegriffe und schwierige Begriffe werden vermieden oder, wenn das nicht möglich ist, einfach erklärt. Wichtig ist auch eine große Schrift, die sich klar vom Hintergrund abhebt. Bilder – z. B. Fotos, Zeichnungen oder Symbole – unterstützen den Text. Auch die Verständlichkeit dieser Bilder wird geprüft.

Aha!

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) stellt klar, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderung an allen Bereichen des Lebens ein Menschenrecht ist. Zu den Kernpunkten der UN-BRK gehört die Barrierefreiheit. Auf der Website des Bundessozialministeriums (BMAS) können Sie den Text der UN-BRK in Alltagssprache, Leichter Sprache und Deutscher Gebärdensprache herunterladen bzw. bestellen.

Mehr über die UN-BRK auf der Website des BMAS

Die UN-BRK in Alltagssprache (PDF)

Die UN-BRK in Leichter Sprache (PDF)

Alle Übersetzungen in Leichte Sprache werden z. B. von Menschen mit geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten geprüft.

Entwickelt wurde die Leichte Sprache in den 70er-Jahren in den USA; in den 90er-Jahren wurde sie in Deutschland bekannt. Seit 2001 setzt sich „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ für die Leichte Sprache und ihre Verbreitung ein und entwickelte auch das erste deutsche Wörterbuch für Leichte Sprache. Wie viele andere Verbände, Institute und Anbieter ist Mensch zuerst im europäischen Netzwerk Leichte Sprache organisiert.

Leichte Sprache macht Mut!

Maria Hütter brachte die Berufswahl von 2012 nicht nur einen interessanten und abwechslungsreichen neuen Job. Sie gewann auch neuen Mut. „Heute traue ich mich zu fragen, wenn ich etwas nicht verstehe: im Gespräch, im Supermarkt oder bei einem Vortrag.“ Oft hat Maria Hütter aber gar keine Chance, nachzufragen. „In den Nachrichten verwenden sie viele schwierige Wörter. Das ist schade, denn ich interessiere mich für Politik.“ Gerne würde sie auch Bücher lesen, z. B. über Tiere und die Natur, aber das Angebot in Leichter Sprache beschränkt sich noch weitgehend auf Infobroschüren zu Alltagsthemen.

Blick von oben auf einen Besprechungstisch.

Kristina Wehner, Maria Hütter und Tanja Greisel (von links) bei der Arbeit an einem Text in Leichter Sprache.

Nahaufnahme: Hand mit Stempel.

Alles klar: Wenn Tanja Greisel und Maria Hütter ihren Stempel auf eine Übersetzung in Leichte Sprache drücken, war der Text für sie rundum gut verständlich.
 

Nahaufnahme: Hände mehrerer Personen mit Textmarkern.

Sind Begriffe oder Textstellen unklar, kommen der gelbe und der rote Textmarker zum Einsatz. Dann muss Kristina Wehner noch mal ran und neu formulieren.

Leichte Sprache braucht Übung und Feingefühl

Kristina Wehner arbeitete früher als Heilerziehungspflegerin in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Als sie von der Leichten Sprache hörte, fing sie sofort Feuer. „Ich fand es faszinierend, dass in Büros für Leichte Sprache Menschen mit und ohne Behinderung gleichberechtigt miteinander arbeiten. Mir war schnell klar, dass ich mit Menschen mit Lernschwierigkeiten arbeiten möchte.“ Wehner machte eine Weiterbildung bei Mensch zuerst. „Meine ersten Texte waren ganz schlimm“, lacht sie. „Geprüft wurden sie von älteren Menschen. Die haben mich angerufen und gesagt: Tina, das war noch nix.“ In jedem barrierefreien Text steckt viel harte Arbeit. Wer Leicht schreiben will, muss üben, üben, üben. „Ich finde“, sagt Maria Hütter, „sie übersetzt voll gut.“ Und fügt grinsend hinzu: „Jetzt.“

Auch das Prüfen von Texten ist anspruchsvoll. Die Prüferinnen müssen ganz bei der Sache sein, jeden Satz aufmerksam durchgehen. Setzen sie ihren Stempel auf einen Text, den sie nur überflogen haben, ist die Gefahr groß, dass andere Menschen ihn nicht verstehen. „Das Schwierigste ist, dass man sich in andere einfühlt“, findet Leichte-Sprache-Prüferin Tanja Greisel. „Wenn ich selbst einen Text gut verstehe, denke ich an Bekannte und überlege: Könnte er oder sie den Text auch verstehen?“ Den gelben Leuchtstift hält Tanja Greisel beim Lesen immer in der Hand. „Was ich nicht verstehe, markiere ich gelb an. Das ist nicht nötig, wenn ein schwieriges Wort im Text erklärt wird.“

Wie Schmidts Katze …

Tanja Greisel arbeitet seit 2015 als Prüferin für Leichte Sprache. Dabei war der Umgang mit Texten nie ihre Leidenschaft. „Ich gehe gerne raus, in die Stadt, mit Freunden. Ich mag Kino, DVDs und Musik. Lesen mochte ich nie gerne. Nur WhatsApp, da lese und schreibe ich sehr schnell.“ Als eine Betreuerin in ihrem Wohnheim sie zu einer Arbeitsgruppe „Leichte Sprache“ einlud, ging sie trotzdem hin. Auch, weil sie sich an ihrem Arbeitsplatz in einer Wäscherei unterfordert fühlte und eine Alternative suchte. „Am Anfang war ich schüchtern. Es hat gedauert, bis ich Spaß daran hatte. Doch dann ging’s ab wie Schmidts Katze!“ 2014 machte sie eine Weiterbildung zur Prüferin für Leichte Sprache, anschließend ein Praktikum. Heute arbeitet Tanja Greisel jeweils Teilzeit in der Leichtmontage einer Werkstatt für behinderte Menschen und im Fach-Zentrum für Leichte Sprache. Sie hat als Delegierte ein Treffen des Netzwerks Leichte Sprache in Marburg besucht und in einer Arbeitsgruppe zur Leichten Sprache im Internet mitgearbeitet. Und sie bildet als Dozentin für Leichte Sprache Prüferinnen und Prüfer aus.

Bitte mal heiße Luft ablassen!

Manchmal gelingt es nicht, den Inhalt eines Textes aufs Wesentliche zu verdichten, weil es am Wesentlichen fehlt. „Die Leichte Sprache ist klar und ehrlich; sie bringt auch inhaltliche Schwächen zutage“, lacht Kristina Wehner. In Fällen wie diesen setzt sich schon mal das gesamte Übersetzungs- und Prüfungsteam zusammen und rüttelt gemeinsam am Originaltext. In Abstimmung mit dem Auftraggeber wird dann möglicherweise die Textvorlage eingedampft. „Was übrig bleibt, übersetzen wir dann. Wir haben schon mal die Rückmeldung bekommen, dass eine Broschüre in Leichter Sprache wegging wie warme Semmeln: Alle Menschen haben sie dem Originaltext vorgezogen.“

Was sich das Leichte-Sprache-Team wünscht

Höchste Zeit für die Mittagspause. Noch eine letzte Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Tanja Greisel:

„Ich hoffe, dass ich weiter als Prüferin im Fach-Zentrum für Leichte Sprache arbeiten kann.“

Maria Hütter:

„Es wäre cool, wenn Leichte Sprache ein Gesetz wird. Und auch, dass Ämter alle Formulare in Leichte Sprache übersetzen lassen. Oder dass in Ämtern Prüfer für Leichte Sprache arbeiten: Das wäre Inklusion. Dann wären wir ganz in die Gesellschaft eingegliedert.“

Kristina Wehner:

„Es gibt mehr und mehr Info-Angebote in Leichter Sprache. Woran es noch fehlt, ist unterhaltsamer, spannender Lesestoff. Ich würde gerne einen Bestseller wie `Herr der Ringe´ in Leichte Sprache übersetzen!“

Tanja Greisel, Maria Hütter und Kristina Wehner.

Die Fachfrauen für Leichte Sprache (von links: Tanja Greisel, Maria Hütter und Kristina Wehner) wünschen sich, dass noch viel mehr Menschen erfahren, warum Barrierefreiheit so wichtig ist. Natürlich auch in Leichter Sprache!

Lesetipp: Online-Nachrichten in Leichter Sprache

In der Online-Ausgabe der Augsburger Allgemeinen Zeitung finden Sie Nachrichten in Leichter Sprache: Politik und Weltgeschehen, Sport, Verbraucherservice und Promi-Klatsch. Das Angebot erstellt die Redaktion in Zusammenarbeit mit dem Fach-Zentrum Leichte Sprache der CAB.

Online-Nachrichten der Augsburger Allgemeinen in Leichter Sprache

Infos über Broschüren und weitere Online-Angebote in Leichter Sprache finden Sie in unserem Serviceteil.

Zum Service: Angebote rund um die Leichte Sprache

Glossar

Heilerziehungspflege

Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger unterstützen und betreuen Menschen mit Behinderung pädagogisch, lebenspraktisch und pflegerisch. Sie begleiten sie bei der Bewältigung ihres Alltags

  • ambulant zu Hause,
  • in Tagesstätten, Wohn- und Pflegeheimen,
  • in Vorsorge- und Reha-Kliniken,
  • in Kitas und Förderschulen

Im BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit finden Sie weitere Infos zur Ausbildung und zum Berufsbild der Heilerziehungspflege.

Mediopunkt

Je länger ein Wort, umso schwieriger ist es auf den ersten Blick zu erfassen. In der deutschen Sprache werden einige zusammengesetzte Hauptwörter mit Bindestrich geschrieben (Trimm-dich-Pfad, Sankt-Nimmerleins-Tag). Berühmt und gefürchtet ist sie jedoch für ihre Zusammensetzungen ohne Bindestrich (Bundestagswahlen, Rechtschreibprüfung, Donaudampfschifffahrt).

In der Leichten Sprache werden alle zusammengesetzten Hauptwörter getrennt (Bundes-Tags-Wahlen). Dies erleichtert das Verständnis enorm. Doch die Getrenntschreibung entspricht nicht den Duden-Regeln. Deshalb schlägt die Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim vor, statt des Bindestrichs einen Mediopunkt oder Mittelpunkt zu setzen. Der Begriff Leichte-Sprache-Regelwerk würde danach mit Bindestrichen und Mediopunkten gegliedert: „Leichte-Sprache-Regel·werk“. Auf dem PC wird der Mediopunkt mit der Tastenkombination „ALT + 0183“ erzeugt, auf Macs mit „ALT + Shift + 9“.

Mehr erfahren über den Mediopunkt